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Die Natur des Bösen

Von: Kaan Orhon
24.11.2017   |   In: Gedanken zum Freitag

Bismillah
Die Natur des Bösen – Gedanke zum Freitag

Allah der Erhabene sagt in Seinem Buch in der sinngemäßen Übersetzung:

„Wer einen Menschen [zu Unrecht] tötet, so ist es, als ob er die ganze Menschheit getötet hätte.“
((al-Maida:32))

und

„Nicht gleich sind die gute Tat und die böse Tat. Wehre die böse Tat ab, mit einer Tat, die besser ist, dann wird derjenige, zwischen dem und dir Feindschaft besteht, so, als wäre er ein warmherziger Freund.“
((Fussilat: 34))

Späte und teilweise Gerechtigkeit haben diese Woche jene erfahren, die Angehörige beim Massenmord in Srebrenica oder anderswo während des Völkermordes in Bosnien-Herzegowina zwischen 1992 und 1995 verloren haben. Ratko Mladić, einer der wesentlichen Verantwortlichen für den Genozid, wurde am 22. November, mehr als 20 Jahre nach den Verbrechen, zu lebenslanger Haft verurteilt.
Das Urteil ist wichtig für Opfer und deren Angehörige, deren Leid zwar nicht ungeschehen gemacht werden kann, die aber trotzdem ein Recht auf ein Urteil haben und damit die Anerkennung des Unrechts.

Ratko Mladić hat man als „den Inbegriff des Bösen“ bezeichnet. Und angesichts dessen, was in den 90er Jahren in Bosnien geschah und für das er mit einigen anderen die Hauptschuld trägt, erscheint dieser Titel passend. Die versuchte physische Ausrottung der muslimisch-bosniakischen Bevölkerung, die fast vollständige Zerstörung ihrer materiellen Kultur, die massenweise Vertreibung, die Folter in Konzentrationslagern wie Omarska, die Vergewaltigung und der sexuelle Missbrauch von Frauen und Mädchen stellen in ihrer Gesamtheit das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Europa seit dem zweiten Weltkrieg dar.

Doch es wäre falsch, ihn oder andere Personen als eine Art Ungeheuer zu überzeichnen, das so gar nichts mit anderen Menschen, mit uns, gemein hat. Das Böse, dass seine Taten motivierte, ruht auch in anderen Menschen und kann an die Oberfläche kommen, wenn Zeit und Umstände es begünstigen. Ratko Mladić war ein Vorläufer der „Abendlandsverteidiger“ von heute. Auch er ist – dies war im Prozess Teil seiner Verteidigung – angetreten, das christliche Abendland vor einer Islamisierung zu retten. Die Islamisierung Bosniens bzw. Jugoslawiens war damals ebenso wenig real wie die Islamisierung Deutschlands heute. Aber ihre Fiktion war ausreichende Begründung für zehntausendfachen Mord und Vergewaltigung.

Und es wäre ein bewusstes Abwenden von der Realität zu behaupten, was sich vor 20 Jahren dort ereignet hat, könne sich bei uns nicht wiederholen. Die Menschen in Serbien und Bosnien zu jener Zeit sind kollektiv nicht schlechter und nicht besser gewesen als andere. Doch wie zu anderen Zeiten und an anderen Orten ließ sich ein ausreichender Anteil von einer bösen Ideologie, einer verbrecherischen politischen Idee verführen.

Und was für Deutschland gilt, gilt auch für andere Länder. Srebrenica könnte sich nicht nur in der Zukunft wiederholen, es hat sich seitdem immer wieder wiederholt. Aus dem Völkermord in Bosnien lernen hätte geheißen, den Völkermord an den Yeziden 2014 zu verhindern. Das spricht nicht nur die sogenannte internationale Staatengemeinschaft an, sondern jeden von uns. Uns als Muslimen ist es vielleicht noch einmal Ermahnung, in unserem Erinnern an Srebrenica – oder erst gestern an den rassistischen Terrorismus und Mord in Mölln vor 25 Jahren – nie einen erhobenen Zeigefinger zuzulassen.
Ein Mensch ist wie der andere, eine Gemeinschaft von Menschen ist wie die andere. Ganz gleich wie hoch unsere Meinung von unseren Idealen, unserer Weltanschauung ist, zuerst sollte uns unsere Menschlichkeit mit all ihrem Wert und all ihren Mängeln bewusste sein.

Es war Alija Izetbegović, der erste Präsident Bosniens, der es in einem Satz zusammenfasste: „Der Islam ist vollkommen, die Muslime sind es nicht.“ Unter der Fahne mit dem Glaubensbekenntnis wurde das Verbrechen von Srebrenica in Sinjar wiederholt, und auch wenn keiner von uns, kein Muslim irgendwo individuell eine Mitschuld an den Verbrechen trägt, ist es unsere Verantwortung, daran zu erinnern und kommende Generationen zu mahnen.

Und auch ist es unsere Verantwortung, daran sollte der zweite Vers erinnern, der dem Text vorangestellt ist, dass Erinnern nur ein erster Schritt ist, der zum Handeln führen muss. Zur Versöhnung zwischen Völkern, Gruppen und auch Individuen. Wo ein Verbrechen geschieht, muss Recht gesprochen und die Tat bestraft werden. Gleichsam muss geachtet werden, wenn Reue geübt wird, und wo immer möglich, verziehen. Und wo Feindschaft ist, muss jeder einzelne im Rahmen seiner Möglichkeiten versuchen, Frieden zu schaffen.

In diesem Sinne wünscht euch der Vorstand des RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.

Heute von: Kaan Orhon, Islamwissenschaftler aus Göttingen und Mitglied des Ältestenrates

Foto: icty.org / courtesy of the ICTY