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Das Ganze ist mehr, als die Summe seiner Teile

Von: Kaan Orhon
06.10.2017   |   In: Gedanken zum Freitag

Bismillah
„Das Ganze ist mehr, als die Summe seiner Teile“ – Gedanke zum Freitag

Allah der Erhabene sagt in Seinem Buch in der sinngemäßen Übersetzung:

"(...) trachte mit dem, was Allah dir gegeben hat, nach der jenseitigen Wohnstätte, vergiss aber auch nicht deinen Anteil am Diesseits. Und tu Gutes, so wie Allah dir Gutes getan hat. Und trachte nicht nach Unheil auf der Erde, denn Allah liebt nicht die Unheilstifter." ((al-Qasas:77))

Der Islam umfasst zwei Bereiche, zwei Realitäten: die diesseitig materielle und die jenseitig spirituelle. Zwischen diesen Beiden kann niemals eine Gleichheit bestehen. Die ewige und vollkommene Existenz des jenseitigen Lebens kann nie gleich gewichtet werden mit dem temporären, unvollkommenen, von Einschränkungen behafteten diesseitigen Leben. Dem Jenseits gilt stets das Streben der Muslime.

Und doch: ein Islam, der sich zur Gänze dem Jenseits zu und von der diesseitigen Welt abwendet, hört sofort auf, Islam zu sein.

Wie kann das sein, wo doch das Diesseits als Spiel beschrieben wird, als ein unbeständiger Unterhalt auf Zeit?

Dies ist ein oberflächliches Paradox, welches nicht gedanklich sondern nur durch die gelebte Praxis des Islam aufgelöst wird.

Wo der Islam sich vom diesseitigen Leben, der materiellen Welt völlig abkehrt, hört er auf, eine Triebkraft zur Verbesserung des Lebens der Menschen zu werden. Genau das war aber der Islam des Propheten – Segen und Frieden auf ihm – und der frühen Gemeinde: eine im modernen Sprachgebrauch "revolutionäre" Kraft für - und auch gerade von - Frauen, Sklaven, Armen, Fremden und anderen sozial marginalisierten Menschen.

Diesen Charakter muss der Islam in unserer persönlichen täglichen Praxis bewahren, da die gesellschaftlichen Realitäten der frühen Muslime in gewandelter Form auch die unseren sind. Sie sind Produkte der menschlichen Natur und werden als solche bestehen bleiben solange die diesseitige Existenz des Menschen währt.

Wer sich diesem Erbe verschließt und den Islam auf eine ausschließlich geistige Ebene reduziert, zerreißt das Band, das uns mit der Zeit verbindet, da der Islam in die Welt kam und mit den Menschen dieser Zeit. Darum darf der Islam nicht seiner Diesseitigkeit beraubt werden, denn nur mit diesem unvergleichlich geringeren Teil, dieser ungleichen Hälfte, wird der praktizierte Islam wirklich vollkommen.

In diesem Sinne wünscht euch der RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.

Heute von: Kaan Orhon, Islamwissenschaftler aus Göttingen und Mitglied des Ältestenrates