Sie sind hier

Granada 2012 - „Leben ist Reisen im Großen, Reisen ist Leben im Kleinen“

27.06.2013   |   In: Andalusien

بسم الله الرحمن الرحيم

Granada 2012

„Leben ist Reisen im Großen, Reisen ist Leben im Kleinen“
(Bacem Dziri)

Es soll die Geschichte 25 junger muslimischer Individualisten aus ganz Deutschland erzählt werden, die sich nicht damit abfanden einen Teil ihrer Historie in Büchern zu erlernen, sondern sie vielmehr im Geiste des maurischen Al-Andalus zu erleben, zu fühlen, ja gar zu riechen suchten – eine Gruppe, die mit Gefühlen der Demut und der Freude konfrontiert wurde; die die Einmaligkeit islamischer Baukunst begutachten durfte und sich gleichzeitig nur mit archäologischen Resten, die auf jene monumentale islamische Herrschaftsdynastie deuten, zufrieden geben musste – eine Gruppe, die gefordert war mit Ambivalenzen, Paradoxien und der Anomalie zwischen dem Abend- und Morgenland, dem Okzident und dem Orient zurecht zu kommen.

Eine Historie, die lehrt, dass Enttäuschungen, Niederlagen und Verluste zum Leben gehören und dass Träume, Wünsche und Hoffnungen niemals sterben können, solange die Muslime eine bereichernde Körperschaft bilden, uns an Vergangenes erinnern und uns mobilisieren daran anknüpfend selbst etwas zu schaffen, dass Geschichte schreiben könnte.

Jeder Mensch – eine Gesinnung, jede Biographie – ein Rätsel und jedes Geschöpf ein Unikat! 25 ausdrucksstarke Gesichter mit eindrucksvollen Lebensgeschichten fanden sich nun im mediterranen Spanien zusammen. Die Gründe und Motiviken für den Antritt der Reise waren genauso unterschiedlich wie die einzelnen Persönlichkeiten selbst – Stress, Alltagsflucht, Urlaubssehnsucht oder Bildungseifer – alles mögliche Ursachen, die uns dazu veranlasst haben, es einem der größten Reisenden unserer Weltgeschichte, Ibn Battuta nach zu machen[1]. Auch wenn wir keine Kontinente durchquerten, jahrelang unterwegs waren und währenddessen hohe Ämter besetzten, so verbindet uns eins mit dem  leidenschaftlichen Weltenbummler: 'die Reise um der Reise willen', 'das Interesse an den Spuren unserer selbst' und 'die Liebe zur islamischen Kulturgeschichte'.

„Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen.“
(Johann Wolfgang Goethe)

Wir herbergten in der Altstadt Granadas im kitschig eingerichteten „Hostel Moni Albayzin“, das scheinbar viel Wert darauf legte, die spanische Tradition mit ihrer „Corrida de Toros“ leben zu lassen; so war es auch nicht verwunderlich zu sehen, dass ein überdimensional großer Stierkopf die Wand unseres Treppenhauses dekorierte und als Wandtrophäe gehandhabt wurde – zugegebenermaßen war dieser Anblick sehr befremdlich. Genauso fremdartig schienen einem die menschenleeren Gassen und bescheidenen Gebäude der Altstadt Granadas zu sein. Sind leere Straßen der Reiz des maurischen Juwels, der von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde? Unsere ersten Assoziationen von einer bedeutungstragenden Altstadt sind andere gewesen. Altstädte haben stets die Tradition gehabt das Elitäre einer Stadt vorzuführen und ein Ort zu sein, der dem Auge ästhetische Nahrung verleiht und das Herz durch seine ruhige Vitalität verzaubert. Albayzin selbst war von dieser Vorstellung 'verlassen' – ausschließlich Touristen und linksalternative Studierende, die sich zur Abendstunde in gemütlicher Runde bei Trank und Musik zusammenfanden, bekam man zu Gesicht; von Anwohnern der Altstadt nichts zu sehen. Eine weitere zu konstatierende Auffälligkeit: Wo waren die Muslime? Weit und breit keine zu sehen. Welch stille Degradierung dieses schönen Ortes. Ist dies ein Zeichen muslimischer Ernüchterung?

„Die Natur macht nichts vergeblich“
(Aristoteles)

Vom Gedanken der Entfremdung nun zu unserer entspannten Gruppe, die sich nicht nur durch ihre Bequemlichkeit und ihren flexiblen Umgang mit der Zeit charakterisierte, sondern große Pläne zu realisieren gedachte. Ausgestattet mit kostspieligen Spiegelreflexkameras und den dazugehörigen Objektiven, hätte man meinen können die erste muslimische Truppe zu sehen, die eine National Geographic Dokumentation auf höchstem Niveau zu verwirklichen versuchte – dem war aber nicht so – mit dieser Ausstattung bereitete man sich vor unbeschreibliche Augenblicke und bemerkenswerte Aussichten zu dokumentieren, denn es war kein Geheimnis, dass die Schätze Andalusiens bis heute einem gänzlich die Luft zum Atmen raubten.

Drei Busse; gefahren von drei charismatischen Fahrern, die manchmal über die ein oder andere Verkehrswidrigkeit hinweg schauten, brachten uns binnen weniger Tage an den verschiedensten Örtlichkeiten der andalusischen Provinz. Kein Berg zu steil, kein Weg unbefahrbar und kein Hügel uneben, wenn es darum ging Burgen mit architektonischer Opulenz, eine still in tiefster Idylle gelegene Moschee des Mystikerordens der Naqshbandi-Tariqat oder eine malerische Wasserquelle aufzusuchen. Die langen Fahrten hatten oft einen sinnstiftenden Charakter; tiefgründige Gespräche, Gemeinschaftsspiele, gemeinsames Anashidsingen oder Körneressen hatten nicht nur zur Folge, dass man sich besser kennenlernte und sich gegebenenfalls seinem Gegenüber öffnete, sondern auch, dass man die kollektive Identität unserer Gruppe verinnerlichte, obgleich dieses Gefühl nur temporärer Natur sein werden sollte. Und wenn gar nichts mehr ging, dann schlief man einfach und ließ sich vom Geruch des Olivenöls berieseln, der beim passieren zahlreich monoton angelegter Olivenbaumplantagen durch die Lüftung der Klimaanlage stieg.

„Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern.“
(André Malraux)

Die Verhältnisse um 700 sind nicht nur politisch, religionsgeschichtlich und gesellschaftlich von großer Bedeutung, sondern auch für die Entfaltung muslimischen Selbstverständnisses entscheidend. In dieser Zeit ist die christliche Zivilisation im mondialen Vergleich vermehrt politischen Herausforderungen ausgesetzt. Während sich mit der territorialen Expansion die islamische Wissenschaftskultur eilends verbreitet, Herzen für sich gewinnt und neues Forschungsstreben bei den Muslimen mobilisiert, müssen die mittelalterlichen europäischen Christen eine spirituelle Stagnation mit Krisencharakter in Kauf nehmen. Eine historische  Begebenheit, an der sich mancher Muslim gern erinnert, da die Vorfahren mit ihrer iberischen Annexion in epochales Meisterwerk geschaffen haben; doch schaut man sich an, was heute davon übrig geblieben ist, die Ruinen in der Palaststadt etwa, senkt man seinen Blick zu Boden und verstummt in seinen eigenen opaken Gedanken. Unsere erste gemeinsame Exkursion außerhalb Granadas unternahmen wir zum 'Archäologischen Komplex' von Madinat al-Zahra, wo wir zuvor ein Museum besuchten, das uns in Form eines Filmes und zahlreicher Expositionen erste Informationen hinsichtlich dieser Ortschaft und ihrer Historie gab. In der wichtigsten Fundstätte des spanischen und europäischen Mittelalters angekommen, zerstreuten wir uns in alle Ecken; jeder ging seinen Weg, ohne jedoch den Finger vom Auslöser seiner Kamera zu nehmen. Unsere Gruppe schien bis zum Ende der Fahrt ihre Vorliebe zum exzessiven Fotografieren nicht verloren zu haben. Scheinbar hatte auch eine deutsche Seniorengruppe, die wir vor Ort antrafen, Spaß daran gefunden pausenlos Fotos zu machen; ihr Interesse galt aber nicht ganz der Sehenswürdigkeit selbst, sondern eher uns, so scheuten sie sich auch nicht davor uns zu fragen, ob sie uns fotografieren dürften –wir bejahten und sie freuten sich – unsere Gruppe schien wie so oft ein Blickfang zu sein ... und natürlich lag es nicht :) an den bunten Kopftüchern und den großen Sonnenbrillen....??

„Architektur ist gleichsam erstarrte Musik“
(Johann Wolfgang v. Goethe)

Am gleichen Nachmittag ging unsere Reise ins knapp über 20 km entfernte Córdoba weiter. Eine Reise, die wir mit einer Menge Heiterkeit antraten aber auch, die mit einer tiefsitzenden Melancholie verbunden war. Beim Passieren der eindrucksvollen römischen Brücke und dem Anblick der imposanten Mezquita von Córdoba überkam uns ein Gefühl der Überforderung. Im Staunen noch gefangen, wussten wir nicht wie uns geschah, als uns unsere spanischen Gastgeber am Eingang der Kathedrale damit begrüßten Aufklärungsarbeit zu leisten. Selbstverständlich war man sich in Spanien darüber im Klaren, dass nicht alle Muslime ihrer Geschichte kundig seien, drum hilft man diesen ahnungslosen Geschöpfen und teilt Ihnen mit inbrünstiger Ausdrücklichkeit mit, dass es sich bei der Mezquita um eine Kirche handelt und, dass muslimischer Gottesdienst in keinster Weise im Inneren dieser Basilika zu praktizieren sei, vielmehr sei dieser unmissverständlich verboten. Kein Wunder, dass man die ein oder andere hochgezogene Augenbraue sah, wenn man in unsere stoischen Gesichter blickte. Mit solch einer prekären Begrüßung hat keiner von uns gerechnet – schade drum, dass weder Wände noch Steine sprechen können, wohl möglich hätten diese dem frivolen spanischen Personal widersprochen. Mit einer ambivalenten Haltung gingen wir in die Kathedrale. Was wir dort sahen war magisch und zugleich bestürzend. Mit jedem Schritt wuchs die Verwunderung, an jeder Ecke, an jeder Wand und an jeder Verzierung erkennt man die Liebe zum Detail einstmaliger Handwerker und Künstler. Das Bedürfnis sich einfach in Richtung der Qibla niederzuwerfen und zwei Rakaʿāt zu verrichten war groß; doch als kultivierter Muslim hält man sich an Regeln, obgleich die skandalöse Versuchung ihren Reiz gehabt hatte :D Je weiter man in das Münster ging, desto deutlicher und offensichtlicher wurde die christianisierende Umwandlung. Von dem einen wird jene architektonische Veränderung der Mezquita als progressiver Akt Geschichte zu dokumentieren angesehen, für andere bleibt die Verfremdung der Kathedrale eine tief verwurzelte Degradierung. Einer der größten deutschen Denker und Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts, Rainer Maria Rilke, bedauert den Ausgang diesen Wandels

„Diese Moschee; aber es ist ein Kummer, ein Gram, eine Beschämung, was man daraus gemacht hat, diese in das strähnige Innere hineinverfitzten Kirchen, man möchte sie auskämmen wie Knoten aus schönem Haar. Wie große Brocken sind die Kapellen der Dunkelheit im Hals stecken geblieben, die darauf angelegt war, Gott fortwährend mild zu verschlucken wie Saft einer Frucht die zergeht. Noch jetzt wars rein unerträglich, die Orgel und das Respondieren der Chorherren in diesem Raum zu hören (qui est comme le moule d’une montagne de Silence), das Christenthum, dachte man unwillkürlich, schneidet Gott beständig an wie eine schöne Torte, Allah aber ist ganz, Allah ist heil. […]“  

(Rainer Maria Rilke, Sevilla, 4.12.1912)

Den restlichen Abend verbrachten wir damit die Stadt Córdoba kennen zu lernen. In aller Ruhe schlenderten wir durch die Nacht und amüsierten uns beim Hören lustiger Geschichten über unsere Konfessionsgenossen. Produktiv, anspruchsvoll und philosophisch wurde es kurz vor der Heimreise nach Granada, als Ali, angehender Humanmediziner, in vorbildlicher Weise vor der Statue des Ibn Rushd einen tiefgründigen Vortrag zur Philosophie des epochalen Großmeisters und seiner Metierkollegen hielt. Trotz aller Müdigkeit hat der Vortrag unsere Aufmerksamkeit so sehr für sich beansprucht, dass wir unseren Kameramann Younes gänzlich vergessen haben, bis er in aller Seelenruhe zu uns gestoßen ist und sich nicht anmerken ließ, dass er wenige Augenblicke zuvor verwirrt nach seiner Gruppe suchte.

An diesem Tag sind wir so vielen Eindrücken ausgesetzt worden, dass es utopisch wäre anzunehmen, all diese Eindrücke sofort verarbeiten zu können. Alle waren sich einig, dass der Verarbeitungsprozess des Gesehenen, Erlebten und Geschehenen vielleicht Wochen oder gar Monate in Anspruch nehmen würde. Was uns an dem Abend aber blieb waren unsere weit gesponnenen Gedanken und eine Menge offener Fragen. Fragen, die wir uns stellten, wenn wir an die mystische Mezquita dachten und an die Situation der Muslime im Allgemeinen:

„Wo sind die Zeiten hin, in denen sich Muslime und Christen Gebetsräume teilten? Wo sind die Zeiten hin, in denen Christen gerne von einer muslimischen Sozialisation umgeben waren? Und wo sind die Zeiten hin, in denen man den Islam als etwas fortschrittliches und menschliches wahrnahm?“

Es könnte so einfach sein, wenn man den Worten Rainer Maria Rilkes Glauben schenkt, oder?

[…] Religion ist etwas unendlich Einfaches, Einfältiges. Es ist keine Kenntnis, kein Inhalt des Gefühls […], es ist keine Pflicht und kein Verzicht, es ist keine Einschränkung: sondern in der vollkommenen Weite des Weltalls ist es: eine Richtung des Herzens. […] Daß der Araber zu gewissen Stunden sich gegen Osten kehrt und sich niederwirft, das ist Religion. Es ist kaum 'Glauben'. Es hat kein Gegenteil. Es ist ein natürliches. Bewegtwerden innerhalb eines Daseins, durch das dreimal täglich der Wind Gottes streicht, indem wir mindestens dies: biegsam sind […]

(Rainer Maria Rilke, 28.12.1921)

„Wer nicht genießt, wird ungenießbar“
(Konstantin Wecker)

An zwei Orte führte keiner unserer Wege vorbei − zum einen der Weg zur Mezquita Mayor de Granada und zum anderen der gemütliche Spaziergang bergab zum Restaurant Al-Baraka. Die Türen der Mezquita Mayor de Granada, eine malerische Moschee mit einer eigenen Bibliothek keine 10 Gehminuten von unserer Unterkunft entfernt, standen uns zu jeder Gebets- und Nongebetszeit offen. Auch der Zugang zur angesprochenen Bibliothek wurde uns nicht verwehrt; ganz im Gegenteil man bescherte uns in gut islamischer Tradition einen äußerst gastfreundlichen Empfang. Neben einer Führung in deutscher Sprache, zeigte man sich stets  gewillt auf jede Frage zu antworten und jedes Anliegen unsererseits zu beherzigen. Die Bibliothek, der beschauliche Riad, der romantische Vorgarten der Moschee und die ruhige Atmosphäre machten den Ort zu etwas besonderem. Man könnte meinen, die Quelle der Ruhe befinde sich an genau diesem Ort, von wo aus man den perfekten Blick auf die königliche Gigantomanie der Al-hambra hatte.  

Neben der Moschee war ein weiterer Ort für jeden wohlbekannt, nämlich die gemütlich-orientalische Gaststätte Al-Baraka, im Herzen der Altstadt, die von unserem Guide, Betreuer und Onkel, Abdelhadi und seiner Familie geführt wurde. Dieses Lokal glich einem häuslichen Wohnzimmer, wo wir uns zusammenfanden, um zu essen, gewisse Dinge zu besprechen, spontan neugierige Gäste (wie beispielsweise die freundliche deutsche Künstlerin, Brigitte Smith, aus München mit ihrer Familie) zu empfangen oder um einfach nur einen leckeren marokkanischen oder türkischen Tee zu trinken.

„Das wichtigste Stück des Reisegepäcks ist und bleibt ein fröhliches Herz“
(Hermann Löns)

Empirisch gesehen ist der dritte Tag einer Gruppenreise oft mit einer Herausforderung verbunden. So waren auch während unserer Zeit vereinzelt persönliche Tiefpunkte nicht wegzudenken. Genauso gehörten, wenn auch nur sporadisch, Meinungsverschiedenheiten und Interessendivergenzen dazu. Jede Reise, ob sie mit Freunden oder Fremden unternommen wird, ist mit einer Kontradiktion verbunden. Es ist also nicht von ungefähr, dass die Aussage unseres geliebten Propheten Muhammad (ﷺ) „dass man erst auf einer Reise sich selbst und sein Gegenüber am besten kennenlernt“ ihre Richtigkeit hat. Die Kunst bzw. das entscheidende Moment dabei ist nicht das Streben nach einer frontalen Konfrontation, sondern der richtige Umgang mit einer Situation, die einem bis dato fremd erschienen ist. Ich nehme mir die Freiheit zu behaupten, dass unsere Gruppenatmosphäre stets positiv gestimmt und nie in Disharmonie gekippt ist. Es ist erfreulich gewesen zu jeder Zeit das Lächeln eines Jeden im Gesicht zu sehen, obgleich man wusste, dass sich hinter diesem Lächeln möglicherweise ein tief sitzender Schmerz verbarg. 'Sabr' war das Stichwort bei der Reise, denn nicht immer hatte es Bacem einfach mit uns, doch er zeigte uns auf eine beispielhafte Art und Weise, dass die Ruhe selbst manchmal die Lösung vieler Angelegenheiten ist. Auch wenn es sich bei diesem Fließtext um einen Bericht und nicht um eine Danksagung handeln soll, so müssen zwangsläufig die Mühe und das Engagement Bacems in höchster Form gelobt werden – denn nicht jeder würde diese Verantwortung und Verpflichtung freiwillig auf sich nehmen!

„Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“
(Johann Wolfgang v. Goethe)

Der Höhepunkt unseres Aufenthalts stellte zweifellos der Besuch der Alhambra dar. Ungelogen, dieser Tag war zu krass! Beim Gedanken an die Alhambra überkommt mich der 'Zweifel an die Macht des Wortes'; so zweifle ich an Sprache genauso wie es um 1900 der österreichische Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal in seinem literarischen Werk „Chandos Brief“ vor mir tat − ich zweifle jedes einzelne Wort an, dass den Anspruch erheben könnte, das Wundervolle wie die Alhambra beschreiben zu können − freilich kein Wort dieser Welt wird diesem Anspruch gerecht − ich zweifle so weit, dass ich sage; ich sage nichts. Aber mein Gewissen beruhigt mich nicht, ich muss, weil ich weiß, dass der Versuch das Unbeschreibliche zu beschreiben, manchmal ausreichen kann, um einen von der Gewalt der Alhambra zu begeistern! Das Château de Versailles verblasst, wenn man im Inneren oder im paradiesischen Garten der Alhambra gewesen ist, wissend, dass es auch nur ein kleiner Restbestand des alten Baus ist. Es ist nicht das Gold oder der offensichtliche Prunk, die die Alhambra zu einem einzigen Blickfang machen, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger islamisch-traditioneller Handwerksarbeit. Ayāt, Suren oder einzelne Gottespreisungen ziehen sich in  kalligraphischem Arabisch durch alle Gemächer dieses Palastes – dieser zauberhafte Anblick versteinert. 'La galiba illa lah' ein geistiger Sinnspruch von gewaltiger Essenz, der im Palast ein immer wiederkehrendes Element darstellt und  sofort  unsere  Herzen erobert hat, bot uns einen tiefgründigen Reflexionsansatz zum eigenen Selbst- und Weltverständnis an. Zwar kann man sich in der Alhambra nicht sattsehen, aber nach einiger Zeit war man so erschlagen, dass man die Details nicht mehr wahrnahm und  verzaubert nur noch durch die Räume so daher tänzelte. So kam uns der friedvolle Spaziergang durch den bezaubernden Sommergarten mit seiner spezifischen Flora herzlich entgegen. Nachdem etliche Gruppenfotos mit und ohne unserem Schahada-Finger gemacht wurden, blieb es jedem selbst überlassen, wie er den schönen Garten kennenlernen wollte; dabei entschied jeder selbst, ob er sich im Kollektiv, zu zweit oder allein auf den Weg machen wollte. Immer wenn man dachte, dass man den ästhetisch ansprechendsten Platz im Garten fand, wurde man überrascht, wenn man weiter ging, denn die Varietät an Rosenspaliere, Teichen, Brunnen, Wasserbecken und  Fontänen war sehr beachtlich. Als es Zeit war aufzubrechen, sahen wir vom höchsten Punkt der Burg zu wie der Sonnenuntergang mit solch einer Ausdrücksfülle den Horizont erfüllte und sich in einem unbeschreiblichen Farbspiel von uns verabschiedete. Gewöhnlich hat jeder von uns den Sonnenuntergang schon einmal gesehen oder beobachtet, doch die Tatsache, dass man auf einer ehemaligen Hochburg der islamischen Herrschaftsdynastie stand, die trotz ihrer Stärke den Untergang fand, führte uns noch einmal unsere Vergänglichkeit vor Augen und stärkte uns in unseren Iman. Mit 'des Mauren letzter Seufzer' endete die maurisch-islamische Herrschaft und mit der Gruppe tiefen Seufzer nahm man widerwillig Abschied von der magischen Alhambra.

„Das reichste Mahl ist freudenleer, wenn nicht des Wirtes Zuspruch und Geschäftigkeit den Gästen zeigt, daß sie willkommen sind."
(Johann Christoph Friedrich von Schiller)

Wer jetzt gedacht hat, dass dieses Ereignis der krönende Abschluss des Tages gewesen ist, täuscht sich, denn der Abend nahm weiterhin seinen Lauf. Wir sind nämlich einer Einladung von Seiten einer granadinischen Moscheegemeinschaft nachgegangen. Die Moschee und ihre Verantwortlichen kannten wir bereits, als wir einige Tage zuvor durch die traditionelle Werkstatt für die Anfertigung andalusischer Mosaikfliesen und die künstlerische Gestaltung von Behältnissen und Geschirr geführt wurden. In Sachen Gastfreundschaft, Herzensgüte und Freundlichkeit übertraf man sich beim zweiten Wiedersehen selbst. Mit sehr viel Grazie und Aufmerksamkeit kam man uns entgegen. Man sprach aufgrund des sprachlichen Hindernisses wenig miteinander, aber in den Begriffen „Barak'Allāhu fīk“, „Schukran“ oder „Alhamdulillāh“ steckte so große Bedeutungskraft, die, wenn auch nur für einen kurzen Moment, alle Sprachbarrieren aufhob. Manchmal ist es nicht nötig viele Worte zu verlieren um sich zu verstehen. Ein liebevoll gedeckter Tisch mit selbst zusammengesteckten Blumen erwartete uns vor der Moschee unter freiem Himmel. Die Atmosphäre und das Lokalkolorit ähnelten einem beau rêve. Genauso wie das wohlschmeckende Essen: kalte Platten, Salate, Säfte und die original spanische Paella stellten unsere anspruchsvollen Gaumen mehr als zufrieden. Gesellschaft wurde uns von einer großen Anzahl an nicht menschenscheuer und sehr liebebedürftiger Katzen geleistet, sodass viele von uns den Augenblick -nutzten, um sich eine Katze zu schnappen, die sie in Form von sanften Streicheleinheiten verwöhnten. Der Anblick erinnerte tatsächlich an einen Streichelzoo mit einer Ausnahme, nämlich, dass es Erwachsene waren, die ihre Hände nicht von den Tieren lassen konnten. Gleichwohl wurde unser Beisammensein durch die Anwesenheit zweier Brüder bereichert, die man aus der deutschen Heimat kannte und schätzte. Vor den Toren des Palastes der  Al-hambra, traf man einander in einer Atmosphäre der Unbekümmertheit und Herzlichkeit und verabredete sich zum gemeinsamen Verbringen schöner Stunden im muslimischen Ambiente. So ließen wir den Abend mit einer herzbewegenden Koranrezitation Çeflis Ademi's, einem kurzen Vortrag Bacems und einer I,slam-Performance Younes'  ausklingen – eben eine perfekte Mischung aus Spiritualität, Bildung und Kultur. Auch wenn der Tag lang gewesen ist und wir vor Erschöpfung kaum mehr gerade gehen konnten, wurden unser Geist, unser Intellekt und unsere Aufmerksamkeit so fundiert gefordert und gefördert, dass die Eindrücke und das Wissen dieses Abends wohlgeordnet und -gesinnt im Langzeitgedächtnis abgelegt wurden.

„Nur Reisen ist leben, wie umgekehrt das Leben reisen ist“
(Jean Paul)

Unser letzter großer Ausflug außerhalb Granadas führte zum „Museo Batalla de las Navas de Tolosa 1212“. Es war ein Museum in der Provinz Jaéns, dass die gewonnene Schlacht der Christen gegen die Almohaden im Jahre 1212 dokumentiert. Ein schicksalhaftes Ereignis, dass die muslimische Dekadenz geoffenbart und das Schwinden der arabischen Vorherrschaft in Spanien zur Konsequenz hatte. Die Erinnerung daran lässt Gefühle der Schwermut, der Trauer und der Einsicht aufkommen, dass Macht Erfolg und Reichtum endlich sind.. Dort angekommen, stellten wir mit Bedauern fest, dass uns fünf Stunden von der Eröffnung des Museums trennten. Schnell kam die Frage auf, was wir denn fünf ganze Stunden machen sollen. Die Einigung fand sich relativ schnell – wir blieben und warteten. Wir beteten gemeinsam im Freien, nachdem unser erfahrener Onkel uns den Wudhu mit seinem Geschick und seiner Phantasie ermöglichte. Scheinbar ist dieser Einfallsreichtum auf die wohlbekannte arabische Kunstfertigkeit mit kuriosen Situationen umzugehen, zurückzuführen. Jene Originalität menschlicher Aufmerksamkeit veranlasste ihn dazu den Inhalt einer Wasserflasche so gerecht aufzuteilen, dass viele von uns problemlos den Wudhu verrichten konnten. Uns blieb in dieser Situation nichts anderes übrig als zu staunen und zu lachen. Beim Gebet hatten wir einen tollen Ausblick auf eine grüne Waldlandschaft, wo der angenehme Hauch des Windes mit unseren Kleidern und Kopftüchern spielte. Im Kreis versammelt wurden uns bezüglich der vor 1000 Jahren im Gebiet der 'Mesa del Rey' stattgefundenen geschichtsträchtigen Schlacht wie so oft Hintergrundinformationen von Seiten unseres Onkels Abdelhadi und unseres sehr belesenen und geschichtlich bewanderten Bruders Abdelaziz gegeben. Danach blieb uns genug Zeit, um untereinander intensive Gespräche zu führen oder Momente festzuhalten, so wie Salma sie über die gesamte Reise gewünscht hat. Nebenbei wurde ein kleines Studio aufgebaut, wo Interviews zu den Eindrücken dieser Reise geführt wurden − dabei waren Spaß, Entertainment und ein gewisser Grad an Amüsement vorprogrammiert. Das junge Museum war nicht allzu groß, sodass wir nicht lange drin verweilten; große Erkenntnisse hat man nicht wirklich gewinnen können, doch zur Visualisierung des im Voraus Gelernten hat es allemal gereicht.

„Abschiedsworte müssen kurz sein wie eine Liebeserklärung.“
(Theodor Fontane)

Zurück in Granada hieß es eigentlich „Kofferpacken“, denn die zweite Gruppe würde gegen fünf Uhr in der Früh aufbrechen, um den Flug von Almeria zu nehmen, nachdem sich die erste Gruppe am Vortag mit dem Auto auf die Heimfahrt begeben hat. Doch die Betonung liegt auf „eigentlich“. Statt die sieben Sachen zu packen und sich darauf einzustellen, dass man bald im kalten Deutschland verharren wird, versammelte man sich auf der großen Terrasse eines der zwei Albayzin-Hostels und verbrachte in gemütlicher Runde noch etwas Zeit miteinander, sodass die Nacht zum Tag wurde, der Abschied vor der Tür stand und man keine einzige Stunde geschlafen hat. Eine gewisse Ruhe kehrte langsam ein, als nach und nach alle aufbrachen.

Rückblickend kann von einer lehrreichen Reise gesprochen werden − lehrreich in Bezug auf das Geschichtsverständnis, aber auch lehrreich, was das Zwischenmenschliche anbelangt. Selbstverständlich ist man nach dieser Reise kein Geschichtsexperte, denn die Komplexität der Historie ist in einer Woche bei weitem nicht zu verstehen, doch der erste Schritt der Vergangenheit näher zu kommen ist mit dieser Reise gewiss gemacht worden. Auf die Frage, wie wir mit einem Wort die gesamte Reise beschreiben würden, antwortete die Gruppe wie folgt: unglaublicher Genuss, schnuckelig, wirklich, lehrreich, unbeschreiblich, melancholisch, mashaAllah, muy bien, augenöffnend, fluffig, mächtig“! Jede Antwort ist spontan getroffen worden und weist trotz ihrer auf dem ersten Blick ulkig erscheinenden Aussage einen persönlichen Bezug. Diese diskursivierten und besonnen Impressionen ermöglichen es uns, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass wir durchaus aus eigenem Antrieb zum reflektierten Denken fähig sind. Sie zeigen eben nicht wie 'kognitiv unterentwickelte Muslime' eine Reise unternehmen, um einen Ausgleich für ihre genuine Dummheit zu finden, sondern, dass sie auf dir beste Art und Weise ihren Horizont erweitern und dabei ihre eigne Persönlichkeit nicht hinten anstellen.

Spanien war eine „Relaisstation zwischen Europa und der islamischen Welt, und noch zeugen zahllose Begriffe in Naturwissenschaften, Medizin, Astronomie und allgemeiner Kultur von dem Einfluß der verfeinerten muslimischen Kultur in Andalusien, wo Christen, Juden und Muslime in kaum je wieder erreichter Einigkeit zusammenlebten und sich gegenseitig beeinflußten.“. Eine treffende und positivgestimmte Quintessenz Dr. Murat Wilfried Hoffmanns zum Thema Al-Andalus, die ohne Frage opportun erscheint.

Wie sagte gleich unser Prophet (ﷺ) so schön; man solle das Wissen suchen, selbst wenn man dafür bis nach China reisen müsste. So weit sind wir zwar nicht gekommen, aber die Reise nach Al-Andalus gab uns einen ersten Anreiz dafür, die Welt und das Wissen zu ergründen. All denjenigen, die diese Reise ermöglicht haben, gebührt unser tiefster Dank! RAMSA lässt Herzen höher schlagen!

Wa salamu aleikum wa rahmatuLahi ta'alaa wa barakatuh.
 
[1] Auch er hatte einen starken Bezug zu Andalusien und hat es sicherlich bereist gehabt, wenn auch Skepsis hinsichtlich aller Orte vorherrscht, die er besucht haben will. Siehe dazu: Ibn Battuta, Die Wunder des Morgenlandes. Reisen durch Afrika und Asien. Übersetzt und kommentiert von Ralf Elger, München 2010.

 

Von: Farah Bouamar, DmmK Paderborn