
Das Kopftuch – eine Herausforderung an das Individuum und an den deutschen Staat
Für einige muslimische Frauen bedeutet das Tragen eines Kopftuches das Ende einer Karriere bzw. das Ausscheiden aus einem Traumberuf oder der Möglichkeit zur Erlangung des Traumberufs. Um sich dennoch dafür zu entscheiden, bedarf es viel Mut, Entschlossenheit und Geduld. Serife Ay hat gewagt diesen Weg einzuschlagen, auch mit der festen Überzeugung, dass in jedem Ende auch ein Anfang ist. Im Interview mit dem RAMSA schildert uns Frau Ay ihre Gedankengänge und Erlebnisse bis zu dieser bewussten Entscheidung – dem Kopftuch.
Des Weiteren wird die Grundschullehrerin Fereshta Ludin im darauffolgenden Interview die Debatte um das Kopftuchverbot aus der Sicht eines kontraproduktiven Integrationsprozesses beleuchten.
Frau Ay, könnten Sie sich bitte kurz vorstellen.
Natürlich gerne: Ich heiße Serife Ay, bin 28 Jahre alt, gebürtig aus Hessen, nun heimisch geworden in Essen (NRW). Ich bin Deutsche mit türkischem Elternhaus und daher zweisprachig aufgewachsen. Des Weiteren habe ich in Kassel das Lehramtsstudium mit den Fächern Deutsch und Sachunterricht (Gesellschaftswissenschaften) absolviert. Danach habe ich den 2. Teil meiner Ausbildung, das Referendariat, welches 2 Jahre beansprucht, in Essen angefangen und das 2. Staatsexamen mit sehr gutem Erfolg abgeschlossen. Darauf folgend habe ich in Essen zwei Vertretungsstellen als Grundschullehrerin angenommen und somit ein Jahr Berufserfahrung vorzuweisen, in der ich die Möglichkeit hatte, meine Kenntnisse und Fähigkeiten anzuwenden und umzusetzen.
Kritiker des Kopftuchs verweisen darauf, dass es Rückschritt und die Unterdrückung der Frau symbolisiert. Dagegen halten viele muslimische Frauen vor, sie würden sich selbstbestimmt und aus freien Stücken für diese Form der Bekleidung entscheiden. Sie tragen erst seit Kurzem ein Kopftuch. Wer oder was hat Sie dazu bewegt?
Das stimmt, ich trage erst seit Kurzem ein Kopftuch. Genauer gesagt habe ich mich nach sehr sehr langen Überlegungen und intensiver Beschäftigung mit dem Koran, mit mir selbst, mit den zentralen Fragen, die mich beschäftigen, wie beispielsweise meiner Rolle in dieser Welt, die Allah mir als seiner Dienerin zugewiesen hat, aber natürlich auch mit meinen Ängsten und Wünschen, selbstbestimmt und aus freien Stücken entschieden am 1. Tag des Ramadhan (in diesem Jahr) das Kopftuch zu tragen. Ich bin in einer religiösen Familie aufgewachsen, in der im Großen und Ganzen die Religion im Alltag und Leben eine sehr wichtige Rolle einnahm. Ich besuchte gern die Moschee um den Koran zu rezitieren und die Suren auswendig zu lernen, die wichtigsten Säulen, wie bspw. das Gebet, auf dem diese Religion auch aufbaut, kennen zu lernen. Dies hat eine unerlässlich wichtige Funktion in meiner Erziehung gehabt, und legte den ersten Baustein bzw. die ersten Grundlagen für meine Religiosität und die Liebe zu Allah. Im Laufe meines Lebens ist die Religion immer ein fester Bestandteil meines Lebens gewesen. Jedoch erwies sich die Umgebung, in der ich aufwuchs nicht als unterstützender Faktor, sondern eher als Hindernis. Auch der Freundeskreis praktizierte eher eine Form der Religiosität, welche eher die praktische Gestalt eines "Kulturmuslimen" annahm. Mit den vielen Fragen, die mich in meinem Alltag beschäftigten, war ich daher die meiste Zeit allein, sodass ich versuchte diesen „Makel“ damit zu kompensieren, dass ich viele Bücher zum Thema Islam las. Daher kann ich durchaus sagen, dass das religiöse Grundverständnis bei mir vorhanden war, ich jedoch trotz alledem das Kopftuch leider nicht trug, aus Mangel an Mut und Mangel an Bereitschaft, dafür die vermeintlich negativen gesellschaftlichen Folgen selbstbewusst zu ertragen und zu meinem Lebensentwurf zu stehen. Zufrieden war ich mit meiner Religionsausübung nicht, mein Gewissen ermahnte mich, dass ich nicht so handele, wie es mich mein Herz eigentlich ständig fühlen ließ.
Im Unterbewusstsein wusste ich insgeheim, dass mein Berufsleben bald sein Ende nehmen würde, ich spürte es einfach, da ich das Bedürfnis nach dem Kopftuch nicht mehr so „leicht“ unterdrücken konnte wie früher. Es widerstrebte mir, wenn ich nach dem Gebet oder nach einem Moscheebesuch mein Kopftuch abnahm.
Nachdem ich ein Jahr lang als Vertretungslehrerin arbeitete, sah ich mich intensiver nach einer festen Stelle um und schickte zu diesem Zweck auch Bewerbungen ab und erhielt auch prompt von einer Gesamtschule in Duisburg eine Einladung zum Bewerbungsgespräch. Und was war? Sie sagten mir, dass sie sich tatsächlich für mich entschieden haben und sie mich unbedingt an ihrer Schule als Lehrerin einstellen wollten und dass ich auch jetzt den Vertrag unterschreiben könnte. Diesen Moment meines Lebens werde ich wahrscheinlich nie mehr vergessen… Ich antwortete ihnen stotternd, dass ich mich zwar sehr freuen würde, aber ob es in Ordnung wäre, wenn ich mir für die Entscheidung einen Tag Zeit nehmen würde. Als ich aus dem Raum trat und das Schulgebäude verließ, fing ich an zu weinen. Obwohl ich es mit Nachdruck versuchte zu verhindern. Die Tränen flossen einfach…
Ich wusste es gab ein unüberbrückbares Problem. Ich wollte nämlich aus tiefstem Herzen, aus reinem Gewissen und aus Liebe zu Allah nur eins: als eines der Zeichen meiner Gottergebenheit das Kopftuch tragen, ohne die Trennung von öffentlichen und privatem Leben durchzuführen.
Standen nicht vor mir auch schon etliche andere Menschen vor ähnlichen Prüfungen, wie beispielsweise die Weggefährten des Propheten? Sie waren vorbildhaft und sind mit Entschlossenheit auf Prüfungen eingegangen und haben sie im Sinne Allahs bestanden. Was wollte ich eigentlich wirklich? Ich nahm diese Situation immer mehr als ein Zeichen oder als eine Art von Prüfung von Allah wahr, wie ich mich nun entscheiden werde. Ich wusste letztendlich, wenn ich der Stelle zusagen würde, könnte ich meinem eigentlichen Wunsch nach der Religionsausübung vielleicht nie mehr Folge leisten. Meinem innerem Schweinehund bzw. meinem Nefs würde es noch schwerer fallen, von all den „weltlichen Verlockungen“ (angemessenes Einkommen, Beruf den man liebt, Ansehen etc.) Abstand zu nehmen. Jetzt oder nie! Ich sagte der Stelle schweren Herzens ab.
gekürzt, zur ausführlichen Antwort hier
War es von Ihnen auch schon so beabsichtigt, dass Ihre Entscheidung genau auf den ersten Tag des Ramadhan fiel?
Ich hatte mir nach der Absage Zeit genommen um über meine Entscheidung nachzudenken. Es waren auch nur noch wenige Wochen bis zum Monat Ramadhan. Eine Zeit, die nicht nur der äußeren-sondern auch der inneren Reinigung dient und mir schließlich auch den noch nötigen Anstoß gab. Nach vielen inneren Kämpfen mit mir selbst, habe ich am 1. Tag des Ramadhans (1. August dieses Jahres) mich in diesem Punkt dem Herrn der Welten ohne Wenn und Aber ergeben, mit dem Bewusstsein, all die Konsequenzen dieser Entscheidung zu tragen. Mich würde nichts mehr, kein einziger Zweifel mehr, von meinem Vorhaben abbringen können. In diesem Ramadhan sollte in meinem Leben eine revolutionäre Veränderung stattfinden, die mich Allah nähert.
Wie war der erste Tag in der Öffentlichkeit mit einem Kopftuch?
Den ersten Tag werde ich immer in Erinnerung behalten, weil diese spirituelle Energie, die ich empfand, mit nichts zu vergleichen ist. Ich bekannte mich ab diesem Zeitpunkt auch in der Öffentlichkeit zu meiner islamischen Lebensweise. Ich zog etwas unbeholfen das Kopftuch an und fragte meine Nachbarin, ob sie mich heute begleiten könne. Es war auf jeden Fall ein ungewohntes Gefühl, nun in der Öffentlichkeit als religiös identifizierbarer Mensch aufzutauchen, zum Teil auch beängstigend, da ich nicht wusste welche Reaktionen mich erwarteten. Zuallererst fragten mich meine zwei älteren Nachbarn verdutzt, ob ich ein Kopftuch trüge. Ich antwortete selbstbewusst und lächelnd, dass ich ab jetzt nur noch mit Kopftuch zu sehen bin und es doch an mir gut aussehe… Hinter mir hörte ich, wie ein Nachbar dem anderen erklärte, dass ich eine Muslima sei und deshalb das Kopftuch trage. Vorher hatte er mich eher anhand der ethnischen Zugehörigkeit meiner Eltern, als Türkin, definiert. Ich beobachtete natürlich ziemlich genau die Menschen auf der Straße, ob sie mich argwöhnisch betrachteten oder vielleicht auch Bemerkungen fallen ließen. Nichts dergleichen! Ich war deshalb schon gewissermaßen erleichtert und fühlte mich noch mehr in meiner Entscheidung bestätigt.
Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Entscheidung reagiert?
Die meisten haben sich sehr für mich gefreut, zumal sie darüber in Kenntnis waren, dass ich seit Jahren beabsichtigte das Kopftuch in meinem Leben zu verankern und es ein großer schmerzlicher Prozess für mich war. Andere wiederum äußerten ihre Befürchtungen im Bezug auf die Berufstätigkeit, die mir ja jetzt verwehrt werden würde. Wieso ich mich überhaupt gerade jetzt am Höhepunkt meiner Karriere dafür entschieden hätte. Ich meinte daraufhin: „Ja eben deshalb, das Opfer fällt doch dann zwar schwerer, wird inshallah aber bei Allah umso mehr belohnt werden!“ Außerdem hatte ich inzwischen so ein Gottvertrauen entwickelt, dass ich fest daran glaubte, dass Allah mir eine andere Tür öffnen wird, die für mein diesseitiges und vor allem für mein Leben nach dem Tod von größerer, schönerer Belohnung sein wird.
Von einer Bekannten bekam ich die Frage gestellt, ob ich denn jetzt verlobt wäre und mich deshalb für das Hijab entschieden hätte. Da musste ich doch ehrlicherweise richtig losprusten, denn von dieser Frage, die für mich von einer gewissen Zusammenhanglosigkeit geprägt ist, war ich vorher nicht ausgegangen. Wieso sollte ich das denn für einen Mann tun, mit welchem Recht könnte mein zukünftiger Ehemann das von mir einfordern? Einige andere stempelten mich regelrecht als eine Verrückte ab, die nicht mehr mit Vernunft und Verstand denke und ihre Zukunft verspiele… Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, meinten diese Menschen denn, dass mich noch irgendwas verunsichern würde, nach all den Jahren der reiflichen Überlegungen und der langen Bittgebete zu Allah?
Gerade mit dem Thema Kopftuch sind häufig offene Fragen aber auch Klischees verbunden. Wie waren die Reaktionen in der Öffentlichkeit?
Die Reaktionen in der Öffentlichkeit waren zu meinem Erstaunen bislang weniger negativ ausgeprägt, als ich es vorher vermutete. Ich habe mit viel kritischeren Reaktionen und Stimmen gerechnet. Ich wurde beim Arbeitsamt von einem Sachbearbeiter kritischen Fragen unterworfen, worauf ich mit einer selbstbewussten Haltung Antworten gab. Zudem machte ich, glaube ich deutlich, dass ich keine Rechenschaft über meine Art der Religionsausübung geben muss.
Ansonsten wurde ich einmal in der Bahn angesprochen, ob ich das Kopftuch immer tragen würde, woraufhin ich diese Frage bejahte, da es sonst den Sinn und Zweck der Verhüllung nicht mehr gerecht werden würde. Tatsächlich habe ich durch die individuellen Schilderungen meiner Schwester, die schlimme, diskriminierende Erfahrungen machte, ebenfalls gedacht, dass ich mit Beschimpfungen und Ähnlichem zu rechnen habe. Bisher blieben mir solche Erfahrungen alhamdolilah erspart.
Auffällig ist nur, dass mich viele z.B. in der Bahn verwundert anschauen, ja regelrecht anstarren, wenn ich in einer korrekten Aussprache und dazu noch im Gebrauch von einigen deutschen Fremdwörtern ein Gespräch führe. Dieser Anblick ist jedes Mal ein Genuss für mich, da ich glaube, dass es eine Zeit lang braucht bis man sich von solch einem unerwarteten „Schock“ erholt. Manchmal habe ich auch den Eindruck, dass einige mich gerne darauf ansprechen möchten, sich jedoch nicht trauen. Deshalb fange ich einfach ein Gespräch an und beobachte, welche Verhaltens- bzw. Einstellungsmuster sich da gerade vielleicht verändern.
Gab es denn auch Ausgrenzungserfahrungen, Hindernisse, Einschränkungen im Privatleben oder im Beruf?
Ja, leider habe ich als Konsequenz meiner Entscheidung für das Kopftuch erhebliche Einschränkungen im Berufsleben hinnehmen müssen. Wie ich vorher schon erwähnt habe, bedeutete das für mich als Lehrerin, dass ich meinen Beruf aufgrund des so genannten „Neutralitätsgebots“ nicht weiter ausüben darf. Dieser verdeutlicht, dass andere Lebensentwürfe oder andere Bekleidungsformen sich der gesellschaftlichen und zum Teil der rechtlichen Anerkennung entziehen. Ich habe mich vermutlich noch nie so sehr benachteiligt und diskriminiert gefühlt, wie jetzt nach dieser Entscheidung. Es ist einfach eine sehr traurige Realität, die es wahrzunehmen und zu verarbeiten gilt. Den Einwand, dass man seine Ansprüche auf Verwirklichung der Persönlichkeit als Lehrerin zurücknehmen muss, finde ich ebenso sehr fragwürdig. Man verlangt laut Patrick Bahners quasi von der jeweiligen Lehrerin nicht authentisch zu sein und Selbstverleugnung zu betreiben. In diesem Zusammenhang finde ich das Argument von ihm, welches er in seinem Buch "Die Panikmacher" beschreibt, von großer Bedeutung: Auch ein Beamter kann sich folglich kaum neutral zu seinem Glauben verhalten, in dem er beispielsweise Glaubenspflichten unterlässt, zumal ja diese ihn nicht daran hindern, die Dienstpflichten angemessen wahrzunehmen! Kurz zusammengefasst, das Kopftuchverbot empfinde ich so wie es Herr Bahners beschrieben hat, als ein Akt der seelischen Vergewaltigung, ein gewisses Wegnehmen der eigenen Würde.
Frau Ay, hat sich nach Ihrer Entscheidung ein Kopftuch tragen zu wollen bezüglich Ihrer Wahrnehmung gegenüber kopftuchtragenden muslimischen Frauen etwas geändert?
Auf jeden Fall ist mir, nachdem ich das Kopftuch angelegt habe, aufgefallen, dass ich das Kopftuchtragen vorher als eine unüberwindbare Schwierigkeit betrachtete und mir dieser Schritt daher wie ein unerreichbares Ziel vorkam. Mein Nefs bzw. die inneren Einflüsterungen hatten mir mit Arbeitslosigkeit, Untätigkeit, finanzieller Abhängigkeit usw. eine unheimliche Angst in mein Unterbewusstsein und in mein Herz eingepflanzt. Dabei ist das Kopftuch für mich nun ein Teil der weiblich- muslimischen Bekleidung geworden, die es nicht nötig hat, künstlich dramatisiert zu werden. Sie ist ein Teil meiner Identität, die genauso zu mir gehört wie andere charakteristische Merkmale auch.
Darüber hinaus ist festzuhalten, dass ich den kopftuchtragenden muslimischen Frauen eine besondere Wertschätzung entgegenbringe, nicht ausschließlich, weil sie das Kopftuch tragen, sondern eher noch, weil ich mehr als bisher über das Bewusstsein und das Wissen verfüge, welche Schwierigkeiten und Hindernisse in ihren Lebensbiographien auftauchen können und das sie die besondere Fähigkeit der Resillenz haben müssen, um diese zu verarbeiten und zu positiven Handlungsmustern zu entwickeln. Das verdient meines Erachtens eine besondere Wertschätzung.
Die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft in Deutschland interpretiert das Kopftuch in der Regel als ein politisches Kennzeichen oder als Symbol der Unterdrückung oder des islamischen Fundamentalismus, so dass das Tragen eines Kopftuches unvereinbar mit Emanzipation und Feminismus wäre. Was können und wollen Sie dem entgegenhalten?
Dass das Kopftuch ein politisches Kennzeichen oder ein Symbol der Unterdrückung etc. darstellen soll, ist inzwischen für mich eine rhetorische Frage, die jeglichen Realitätssinn verloren hat und mich zudem zutiefst langweilt.
Im Kopftuch ein politisches Kennzeichen wahrnehmen zu wollen, ist für mich nicht plausibel oder nachvollziehbar. Ich kenne aus meinem persönlichen Freundeskreis einige, die den Grünen beigetreten sind, einige andere wiederum können sich zu keinerlei parteipolitischen Bewegungen zuordnen, sondern engagieren sich eher im universitären Bereich oder in der Gemeindearbeit. Daraus eine politische Grundeinstellung kennzeichnen zu können, erscheint mir ehrlich gesagt ein lächerlicher Versuch, das Kopftuch zu diskreditieren bzw. gesellschaftspolitisch zu dämonisieren. Diesen Eindruck habe ich häufiger, wenn es um das produzierte „Kopftuchproblem“ geht.
Ich habe erst vor kurzem in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel von der Ethnologin Ingrid Thurner zum Thema „Der nackte Zwang“ gelesen, indem einige wichtige kritische Argumente bezüglich dessen genannt wurden. Es ist unverständlich, wieso man versuchen sollte, die individuell gewählte weibliche Verhüllung als ein Instrument der Unterdrückung zu sehen. Stattdessen wird außerdem partout mit allen Mitteln versucht, den Umkehrschluss zu ziehen und weibliche Nacktheit als Symbol weiblicher Freiheit zu deuten. Ist sie das aber wirklich, ist die Frage die wir uns alle stellen können.
Denn welchen Zwängen unterwerfen sich Frauen allgemein für den Auftritt in der Öffentlichkeit hinsichtlich der Kleidung? Stellt das keinen Zwang dar? Interessant fand ich in diesem Zusammenhang die Schlussfolgerung, dass die Muslimin bewusst dafür herhalten muss, dass man in dieser aufgeklärten Zeit zwar beinahe nackt herumlaufen darf, aber als Frau trotzdem wenig zu entscheiden hat. Der einfache Slogan: Verhüllt gleich unterdrückt, keine Verschleierung gleich selbstbestimmter Lebensentwurf entspricht nicht der Realität oder ist gar plausibel.
Meine Kernthese lautet wie es Abdurrahman Reidegeld einmal formuliert hat: Die Deutungshoheit über den Islam und die muslimische Lebensweise und vor allem über die eigene praktische Religionsausübung sollte bei den Muslimen selbst bleiben. Diese abstrakte und reflexive Fähigkeit ist meiner Meinung nach bei den deutschen Muslimen bei Weitem vorhanden, wahrscheinlich fehlen ihnen nur bestimmte Räume und das notwendige Sprachrohr um diese adäquat mitzuteilen.
Frau Ay, was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich kann mich dabei in erster Linie den Visionen des Rates der muslimischen Studierenden und Akademiker anschließen, dass auch ich für die hier lebenden Muslime in Deutschland „ein Leben, Studieren und Arbeiten in selbstverständlichem Selbstbewusstsein“ wünsche, und dass wir einen Weg bestreiten können, in der die institutionelle Gleichberechtigung gepaart mit der notwendigen gesellschaftlichen Anerkennung verwirklicht wird.
Für mich persönlich wünsche ich mir, dass Allah mir einen gesegneten und einen aufrichtigen Weg gibt bzw. aufweist, welcher für das Diesseits und Jenseits von Nutzen ist. Dass ich auf diesem Lebenspfad, der mit Höhen und Tiefen verbunden sein wird, die standhafte Geduld habe Schwierigkeiten anzugehen , wie ihn all die Koran- Helden praktiziert haben, wie z.B. der Prophet Josef oder Moses.
Dass ich, auch wenn es momentan aufgrund des Kopftuchverbots mehr als aussichtslos erscheint, irgendwann wieder als Lehrerin arbeiten kann oder zumindest im Bereich der Bildung und Erziehung. Ich wünsche mir, dass ich die Hoffnung mit Hilfe meines Schöpfers aufrechterhalten kann und Er mir einen Ausweg bzw. eine noch bessere Tür eröffnen wird. Ansonsten wünsche ich mir allgemein natürlich, dass das diskriminierende Kopftuchverbot für Lehrerinnen an staatlichen Schulen mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 2012 aufgehoben wird und hiermit die notwendige Grundlage für die gerechte Partizipation und Teilnahme am gesellschaftlichen und beruflichen Leben für alle geschaffen wird. Marc Terkessidis würde hier wahrscheinlich von einer institutionellen Barrierefreiheit als zentrales Prinzip sprechen. Ich kann ihm auf jeden Fall zustimmen, nicht nur in Bezug auf Behinderung ist Barrierefreiheit von Nöten, sondern auch wenn die Vielfalt der hiesigen Gesellschaft beachtet und anerkannt werden soll.
Unser nächstes Gespräch wird mit Fereshta Ludin geführt, der deutschen Grundschullehrerin afghanischer Herkunft, der 1998 eine Einstellung im Schuldienst des Landes Baden-Württemberg durch Behörden und Gerichte verweigert wurde, da sie nicht bereit war während des Unterrichts auf das Kopftuch zu verzichten. Seitdem kämpfte sich Frau Ludin durch gerichtliche Instanzen hindurch bis hin zum höchsten deutschen Gericht – dem Bundesverfassungsgericht. Durch ihren Kampf gegen das Verbot wurde sie so Sinnbild für die Debatte um den Kopftuchstreit, mit der sie durch die jahrelange Medienpräsenz zu diesem Thema sehr gut vertraut ist. Wir begrüßen nun Fereshta Ludin aus Berlin.
Frau Ludin, Mitte September 2011 hat sich die baden-württembergische Integrationsministerin, Bilkay Öney (SPD), gegen die Beibehaltung des Kopftuchverbots ausgesprochen. „Verbieten wir Musliminnen, mit Kopftuch zu unterrichten oder in den Staatsdienst einzutreten, stellt sich die Frage, ob wir ihnen nicht ein Stück weit das Recht auf Integration verweigern“, sagte Öney. Inwieweit würden Sie sagen, dass insbesondere in Schulen mit hohem Anteil muslimischer Schüler/innen kopftuchtragende Lehrerinnen ausgleichend und integrativ wirken könnten?
An einer Schule mit hohem Migrantenanteil bedarf es besonderen pädagogischen Konzepten, die die Qualitäten wie Defizite der Schülerschaft berücksichtigen. Es ist ebenso wichtig zu berücksichtigen, dass gerade dort qualifizierte Lehrkräfte arbeiten, die über einen guten Zugang zu den kulturell vielfältigen Voraussetzungen, die die Schülerschaft mitbringt, verfügen. Dies beinhaltet sprachliche, traditionelle oder religiöse Unterschiede. Lehrer an solchen Schulen sind Brückenbauer und Vermittler zwischen den verschiedenen multi-ethnischen und religiösen Gruppen. Sie leisten damit Basisarbeit für unsere Gesellschaft.
Eine solche Schule verkörpert also die pluralistische Prägung unseres Alltags. Dies tut sie durch sowohl durch ihre SchülerInnen, als auch LehrerInnen. Daher ist es logischerweise nicht möglich, bestimmte kulturelle wie auch religiöse Prägungen außen vor zu lassen, oder sie gar zu verbieten. Diese sollten mit Respekt, Achtung und Würde behandelt werden. Lehrer sind dazu da, diese Werte zu verkörpern und sie vorzuleben. Aus meiner Sicht gehört das Äußerliche, z.B. in Form der Kleidung, mit dazu. Wichtig ist, dass hier die ideologische Neutralität bewahrt wird und Schüler weder politisch noch religiös indoktriniert werden.
Genauso wie unsere Toleranz es aushalten muss, dass Lehrerinnen mit Minirock oder Lehrer mit Shorts vor der Klasse stehen, sollte eine Offenheit gegenüber bedeckten Frauen, -ich meine keine Ganzkörperverschleierung, sondern eben Kopfbedeckung -geben. Wenn bereits das Anschauen einer Person so viele Vorurteile in einem auslöst, dann kann in unserem Verständnis von Liberalität und Offenheit etwas nicht wirklich offen genug sein. Dann sollten wir uns tatsächlich fragen, was wir unter Liberalität, Freiheit und Demokratie verstehen!
In Deutschland fällt das Tragen eines Kopftuchs unter die Religionsfreiheit. Einige Bundesländer haben allerdings Gesetze erlassen, die Lehrerinnen das Tragen des Kopftuchs im Unterricht verbieten. Muslimische Frauen, die ein Kopftuch tragen wollen, berichten aber auch in vielen anderen Berufsgruppen von Arbeitgebern, die sie – etwa im Bewerbungsverfahren – aufgrund ihres Kopftuches benachteiligen. Könnte nach Ihrer Auffassung latenten Diskriminierungen von kopftuchtragenden Musliminnen in der Arbeitswelt Einhalt geboten werden, wenn das Kopftuchverbot seitens der Politik aufgehoben werden würde?
Das Grundgesetz bietet eine tolle Voraussetzung, um den Menschen hier ein würdiges und weitestgehend gleichberechtigtes Leben zu ermöglichen. Daher kommt es darauf an, wie würdevoll wir das Leben allen Menschen gegenüber unter diesem Grundgesetz gestalten. Ich denke, dass wir hier nicht nur die Mehrheitsgesellschaft im Auge behalten, sondern ebenso an die Minderheiten denken sollten. Dies ist eine wichtige Herausforderung und zugleich eine große Verantwortung. Richter und Politiker hätten hier wichtige Zeichen zu setzen. Daher sollten sie Entscheidungen treffen, die für gläubige und nicht-gläubige Menschen eine Lebensweise ohne Diskriminierung bieten. Richter sollten eindeutig signalisieren, dass Diskriminierung jeglicher Gruppierung zu verurteilen ist. Neutralität im Sinne eines offenen Umgangs gegenüber allen Religionen und Weltanschauungen muss bewahrt bleiben. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im Jahre 2003 hat eine Welle der Diskriminierungsfreudigkeit ausgelöst. Diese Entscheidung hat zur Folge gehabt, dass in mehreren Bundesländern Kopftuchverbote erlassen wurden. Man bekam als Deutscher, und zugleich als Muslim, den Eindruck, als ob Deutschlands größtes Problem kopftuchtragende Lehrerinnen seien. Was diese Welle ausgelöst hat, ist nichts anderes als fatale Diskriminierung, zum Teil auch Hass und Verachtung gegenüber einer Minderheit unter Frauen, nämlich den Kopftuchträgerinnen in vielen Bereichen des Berufslebens und zum Teil auch des Alltags. Es ist Zeit, mehr Mut seitens der Richter für eindeutig anti-diskriminierende Entscheidungen zu zeigen, aber es ist auch an der Zeit, dass die Gesellschaft hier mehr Solidarität, Respekt und Toleranz gegenüber jenen Frauen zeigt, denen seit vielen Jahren ihr Existenzrecht, auf Grund ihres Kopftuches abgestritten wird. Wenn hier eindeutige Signale seitens der Richter und der Politiker in unserer Gesellschaft zu sehen sind, dann, denke ich, ist eine große Hürde überwunden. Dies wird mit großer Wahrscheinlichkeit zu weniger Diskriminierung in unserem Lande führen.
Das Kopftuch wird von vielen Politikern vielfältig gedeutet und ermöglicht durch diese zum Teil populistischen Deutungen, der Trägerin beispielsweise zu unterstellen, sie würde sich durch das Tragen dessen gegen die grundgesetzliche Ordnung der Bundesrepublik Deutschland stellen. Wie stehen Sie zu dieser Art der Deutungen. Würden Sie sagen, dass diese Deutungen innerhalb des Diskurses immer noch tonangebend sind und wie beurteilen Sie ihre Zukunft in diesem Diskurs?
Wenn unsere Politiker von Freiheit und Demokratie sprechen, so sollten sie jedem überlassen, welchen weltlichen oder religiösen Weg er/sie einschlägt. Politiker können für Glaubensgemeinschaften oder einzelne Personen nicht festlegen, was für sie religiöse Symbole sind, und welche Praktiken gut oder schlecht seien, oder gar ihre Bedeutung definieren. Wer die Kopftuchdebatte von Anfang an mit verfolgt hat, weiß genau, wie häufig dies getan wurde. Oft ist es leider, eine von oben herab interpretierte Art, wie Muslime zu glauben oder nicht zu glauben haben. Wie z.B. „ Das Kopftuch ist per se ein Symbol der Unterdrückung, damit auch mit unserer Gesellschaftsordnung nicht kompatibel, und daher verbieten wir es“. Zum einen wird hier definiert, welche Bedeutung das Kopftuch hat, was in diesem Fall absolut unsachgemäß ist, zum anderen wird beliebig und pauschal festgelegt, was zu unserer Gesellschaftsordnung gehören darf und was nicht. Daher ist es nach meiner Auffassung enorm wichtig und wünschenswert, ein differenziertes Bild, eine anti-diskriminierende Praxis, in Form der Aufhebung von Kopftuchverboten, auch und vor allem seitens unserer Politiker herzustellen. Dies würde sicher die Vorbehalte bei Vielen mindern und sie dazu bringen, sich mehr mit dem Menschen selbst auseinanderzusetzen, und nicht mit dessen Kleidungsweise. Eine echte demokratische Herausforderung für unsere Gesellschaft und eine Aufgabe zugleich.
Derzeit unterrichtet Fereshta Ludin in Berlin an einer privaten Grundschule in Kreuzberg.
Der Rat muslimischer Studierender und Akademiker bedankt sich herzlichst bei den Interviewpartnern Serife Ay aus Essen und Fereshta Ludin aus Berlin.
Das Interview wurde geführt von Betül Genc













