Gebündelte Kompetenz (iz).
An vielen deutschen Universitäten gibt es muslimische Studentenvereinigungen, doch fehlte es bisher an einem bundesweiten Gremium, das der Begegnung, dem Austausch und der Koordination dieser bisher mehr oder weniger lokal tätigen Gruppen dient.
Kürzlich wurde nun der „Rat der muslimischen Studenten und Akademiker“ gegründet, dem bisher 18 verschiedene Studenten- und Akademikervereinigungen angehören. Die Gründung des neuen Rates geht auf eine Initiative der Islamischen Hochschulvereinigung (IHV) Bonn zurück. Im Juni 2007 kam es in Bonn zu einem ersten Treffen mehrerer Hochschulvereinigungen. Man wurde sich schnell einig, und bereits beim zweiten Treffen im November 2007 wurde dann der „Rat der muslimischen Studenten und Akademiker“ gegründet. „Mit dem Rat wollen wir erreichen, dass die Studenten zusammenkommen und Synergie-Effekte schaffen“, sagt der Sprecher des Rates, Bacem Dziri. Wichtig sei auch, dass nicht nur Studenten, sondern auch Akademiker einbezogen sind, sodass auch nach Abschluss des Studiums weiterhin die Möglichkeit besteht, sich an der Arbeit des Rates zu beteiligen. Damit soll versucht werden, der starken personellen Fluktuation und damit in Verbindung stehenden Kurzlebigkeit von Programmen und Aktivitäten, was stets ein Problem bei muslimischen Studentenvereinigungen darstellt, entgegenzuwirken. Bereits jetzt sind auch Akademikervereine Mitglied in dem Rat, der sich mindestens zwei Mal im Jahr treffen soll. Zusätzlich soll es Treffen auf regionaler Ebene sowie einzelner Arbeitsgruppen geben. Als Mitglieder des Rates entsendet jede Hochschulvereinigung ihren Vorsitzenden sowie einen weiteren gewählten Vertreter beziehungsweise Vertreterin aus ihrem Vorstand. Einen Vorsitzenden gibt es nicht, nur einen Sprecher. Es gebe bereits jetzt Interesse seitens weiterer Hochschulvereinigungen an einer Mitgliedschaft, sodass man von einem weiteren Wachstum der Mitgliederzahl ausgehe, so Bacem Dziri. Bisher sind vor allem Vereinigungen aus West- und Norddeutschland vertreten; doch gerade was Mitglieder aus dem Süden angeht, besteht noch Ausbaubedarf. Dem Rat geht es nicht nur darum, derzeit bestehende Hochschulgruppen zu vernetzen, sondern auch zur Gründung neuer Vereinigungen anzuregen, wo es bisher noch keine gibt. „Wir möchten einen Leitfaden erstellen, wie man eine muslimische Vereinigung an einer Hochschule gründet, und wollen diese dann auch einladen, sich am Rat zu beteiligen“, so Dziri. „Es gibt leider auch Universitäten, an denen muslimische Studentenvereinungen nicht erlaubt sind, zum Beispiel an der Uni Dortmund. Dort hatten muslimische Studierende eine Vereinigung gegründet und Vertreter gewählt, dies wurde aber seitens der Uni-Verwaltung nicht zugelassen, angeblich weil man neutral bleiben wolle. Andererseits ist es in Dortmund katholischen und evangelischen Studenten aber erlaubt, sich zu organisieren. Die Muslime haben es dort noch recht schwer, aber wir wollen uns auch für sie einsetzen.“ Als Ziele und Aufgabenfelder hat sich der neu gegründete Rat in seiner Satzung einiges vorgenommen. Man wolle gemeinsam wissenschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Themen angehen, und damit auch den muslimischen Dachverbänden Unterstützung von akademischer und intellektueller Seite anbieten, sagt Dziri. „Wir wissen, dass in den Studentenvereinigungen, anders als oft in Moscheen, die verschiedensten Richtungen und Ethnien zusammenkommen. Daher wünschen wir uns, dass die Studentenvereinigungen auch als Mörtel zwischen den Moscheen und Vereinen in ihrer Stadt fungieren. Wir haben diesbezüglich in Bonn eine Struktur, den Rat der Muslime in Bonn, die man durch die Studentenvereinigungen anderen Städten vorstellen kann, um zu zeigen, wie man zusammenarbeiten kann, ohne die eigene Unabhängigkeit zu verlieren, was viele ja befürchten.“ Die Art der Aktivitäten sowie deren Intensität, die Herangehensweise und die Erfahrung können bei den einzelnen Studentenvereinigungen sehr unterschiedlich sein. Auch deren Mitgliederzahl unterscheidet sich mitunter erheblich. Dennoch würden die Vereinigungen auch von vielen muslimischen Studenten, die keine Mitglieder in ihnen sind, als ihre Vertreter betrachtet, sagt Dziri. So bietet der neue Rat auch eine Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch, um voneinander profitieren oder einander helfen zu können. Es soll auch eine gemeinsame Datenbank mit Hausarbeiten, Downloads und ähnlichem erstellt werden. Zu Themen wie der Identitätsfrage, der Integrationsfrage und anderen, die Muslime hierzulande immer wieder beschäftigten, so Dziri, wurden verschiedene interdisziplinäre Arbeitsgruppen eingerichtet, wo Studierende aus verschiedenen Fachbereichen sich mit bestimmten Themenbereichen befassen und Materialien erarbeiten sollen. Neben den Treffen solle der interne Kontakt auch über das Internet laufen. Dazu wurde eine entsprechende Plattform geschaffen. Insgesamt bestehen bisher sechs Arbeitsgruppen, etwa zu islamischem Wissen, Medien und Öffentlichkeitsarbeit, aktuellen gesellschaftlich diskutierten Fragen, zum Thema Kinder, Jugend, Erziehung und Schule und so weiter. Die Webseite des Rats, www.islamnavigator.de, ist bereits online, befindet sich derzeit aber noch im Ausbau. Auch interne Seminare zu verschiedenen Themen sollen angeboten werden sowie auch gemeinsame Reisen. „Wir möchten auch mit anderen Gruppen, seien es muslimischer oder nichtmuslimische, in den Zielen, die wir uns vorgenommen haben, kooperieren. Wir wollen Studenten weiterbilden, damit sie aktiv und positiv an gesellschaftlichen Prozessen teilnehmen können, und gleichzeitig ihre muslimische Identität bewahren“, sagt Ratssprecher Bacem Dziri.
