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Juden und Muslime: Wir schaffen Alltag

04.12.2011   |   In: Dialog

Weltweit läuft nahezu zeitgleich das Twinning Event, also ein Zusammenkommen von Juden und Muslimen, ein Zusammenkommen, um gemeinsam Zeichen zu setzen. Dieses Konzept wurde von der Foundation for Ethnic Understanding entwickelt und motiviert Juden und Muslime auf der ganzen Welt, sich kennenzulernen, gemeinsame Veranstaltung zu gestalten, Vorurteile abzubauen, auf unterschiedlichsten Ebenen zu kooperieren und langanhaltenden Dialog miteinander zu führen.

Auch in Dortmund, bundesweit organisiert von Moussa Al-Hassan Diaw von der Universität Osnabrück und aktives Mitglied der internationalen Muslim Jewish Conference und dem Dortmunder Gemeinderabbiner Avichai Apel, zugleich Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, gab es am 24. November 2011 ein solches Twinning Event. Rabbiner Apel lud gastfreundlich in seine Gemeinde.

Wir trafen in der Prinz-Friedrich-Karl-Str. 12 ein und wurden in einen Empfangsraum mit gedecktem Tisch gebracht. Der freundliche und charismatische Rabbiner Avichai Apel begrüßte uns und hieß uns mit Kaffee, Tee und Gebäck willkommen.

Die Anwesenden waren von den Institutionen, Organisationen und Netzwerken Rat muslimischer Studierender & Akademiker (RAMSA), DSSU, MSG Erlangen, TeilnehmerInnen der Imamweiterbildung an der Universität Osnabrück, Shura Niedersachsen, Muslimisch Jüdisch Christliches Freundschafts-Forum, Mülheimer Bündnis der Religionen/Glaubensgemeinschaften für Frieden und der Gastgeber Rabbiner Apel.
Insgesamt also um die 10 Teilnehmer, Geistliche, Studierende und Akademiker.

 

 

Wir sprachen z.B. über die sehr einseitige Fokussierung der Presse auf die nicht-deutschsprachigen zumeist aus der Türkei stammenden Imame. So entstehe der Eindruck, muslimische deutschsprachige Geistliche wären nicht auffindbar. Dass solcherart Medien-Recherche und Dokumentation nicht repräsentativ ist, zeigte natürlich unser Zusammenkommen, von sehr wohl deutsch-sprachigen muslimischen Geistlichen.

Der Rabbi erzählte uns von der großen Gemeinde in Dortmund und dem seit acht Jahren sehr erfolgreich laufenden jüdischen Kindergarten „Die Brücke“. Sie stehe offen für alle Religionsanhänger und Konfessionen. Es habe sich auch gezeigt, dass muslimische Eltern wenn sie die Wahl hätten, eher noch dahin tendierten, ihre Kinder in den jüdischen Kindergarten zu schicken, als anderswo hin. Die auffällige Nähe im Gebet, die Vorstellung oder Nicht-Vorstellung des Schöpfers, ebenso zahlreiche Rituale der Juden, seien den der Muslime recht ähnlich, was Sympathie zwischen den beiden Glaubensgemeinschaften schaffe. Da das Essen kosher ist, sei es für Muslime gleichzeitig Halal, was den muslimischen Eltern eine weitere Sorge nehme. Selbst die Kinder des Rabbis, so erzählte er uns, seien auch offen gegenüber den Religionen der anderen, trotz oder gerade wegen ihrer jüdischen Identität. Gemeinsame Feste feiern oder Geburtstage, „dagegen spricht doch gar nichts“, so Herr Rabbi Apel. Die Imame, sowie Akademiker stimmten dem gerne zu. Auch habe der jüdische Kindergarten in keinster Weise einen missionarischen Anspruch. Mission gebe es bekanntermaßen im Judentum nicht. Dafür aber die Möglichkeit dem jeweils anderen zu begegnen und Vorurteile abzubauen. Auch zeige die Praxis, so der Rabbi, dass wenn wir Menschen verschiedenster Ethnien und Religionen früh zusammen aufwachsen lassen, ihre Unterschiede im erwachsenen Alter kaum mehr eine Rolle spielten! Dies bestätigte Karim Khelladi, der Bündnissprecher neben Michael Rubinstein vom Mülheimer Bündnis der Religionen durch seine Tätigkeit als angehender Kindertagespfleger im jüdischen Kindergarten Duisburg. Eine Besinnung auf die gemeinsame ähnliche Identität der Gläubigen dieser beiden Weltreligionen sei eine Chance für den Frieden, und Kooperationen brächten weiterhin sehr viele Vorteile, so Khelladi. Ein wahres Wort und die einzige Möglichkeit für eine zukünftige gesunde Gesellschaft: Lernen von den Kindern.
 

 

Gespräche über Gemeinsames, z.B. dem Schächten, brachten uns natürlich auch zu den tagesaktuellen Themen. Der Rechtsruck von Politikern, Parteien und Gesellschaft sei eine Gefahr für den Frieden. Das einst antisemitische und nun islamfeindlich motivierte Schächtverbot unter Geert Wilders in den Niederlanden, habe keineswegs nur die Muslime getroffen. Auch Juden dürften seitdem nicht mehr schächten. Ein solches Schächtverbot sprachen zuletzt die Nationalsozialisten aus. Interessanterweise wurde auch damals durch einen Nazi-Propaganda Film eine „unbarmherzige barbarische Tierquälerei“ der Juden dargestellt. So käme es heute wieder zu einem, von der Rechtsstaatlichkeit gestützten, rechtsradikalen Angriff gegen Juden und Muslimen, nun wieder unter dem Deckmantel des Tierschutzes.

Im Gespräch fanden wir auch heraus, dass es scheinbar ein rein deutsches Manko sei, Lebensmittel nicht mit Kosher- oder Halal Stempeln versehen lassen zu können. Bei den internationalen Produkten wie Häagen Dazs, BEN&JERRY´S, Kellog´s und vielen anderen seien Kosher- und Halal Zertifizierungen problemlos. Nur in Deutschland, so das Argument, würde man durch solche Zertifizierungen den Antisemitismus nähren. Eher scheine die Angst vor einer „Judaisierung“ der Gesellschaft naheliegender, so der Konsens der Gruppe.

Es gab noch zahlreiche andere Themen die die religiöse sowie philosophischen Gemeinsamkeiten zum Inhalt hatten, an denen die Imame, Sheikh Zaytun mit seiner Tochter Dua Zaytun von der Shura Niedersachsen, der Rabbi und der Rest diskutierten. Und in jeder Hinsicht war es allen klar, „Wir müssen unsere Verbindung stärken und eine Jüdisch-Muslimische Gesellschaft aufbauen“ die dazu beiträgt, einander mehr zu vertrauen, sich den gemeinsamen Gefahren des Rechtsradikalismus und -populismus bewusst zu werden und sich für eine friedlichere Gesellschaft gemeinsam anzustrengen. Eine Zusammenarbeit mit dem Koordinationsrat der Muslime und der Orthodoxen Rabbiner Konferenz (beide ansässig in Köln) ist angedacht. Ein Anfang ist gemacht, den Beginn markiert dieses Twinning Event.
Am Ende gab es noch lockere Gespräche und das Abendgebet der Muslime in einem Raum neben der sehr schönen Synagoge, die wir uns später genau anschauten, während Rabbi Avichai Apel unsere Fragen beantwortete.

 

Der gesamte Tag war für alle Beteiligten lohnenswert, wir tauschten Daten aus und verabschiedeten uns mit freundlichen Worten „Shalom, Salam, wir sehen uns wieder inschaAllah“.

Der Autor ist Masterstudent der Nahoststudien in Erlangen, Mitglied des Rates Muslimischer Studierender und Akademiker und der Muslim Jewish Conference, Gründer des Muslimisch Jüdisch Christlichen Freundschafts Forums und Mitgründer des Global Muslim Jewish Friendship Forum auf Facebook und hat stellvertretend für RAMSA am Twinning teilgenommen.

von El Hadi Khelladi