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Halal trifft auf Koscher! - Ein Iftaressen mal anders

Von: Fatima E. Ajroudi
28.06.2014   |   In: Break fast, break barriers!

Wir schreiben den 20.07.2013 und es ist 17.00 Uhr. Die letzten Tische werden noch von fleißigen Helfern dekoriert und die Technik noch ein fünftes Mal geprüft. An diesem Abend muss alles glatt laufen, denn dieses Mal erwarten wir Gäste, mit denen wir vorher noch nicht das Vergnügen hatten.
Die diesjährige Iftarveranstaltung im heiligen Monat Ramadan wird von der MHG Berlin in Zusammenarbeit mit der Jüdischen Hochschulgemeinde Beth Hillel Potsdam im Evangelischen Gemeindehaus organisiert - eine interreligiöse Premiere sozusagen.

Die Aufregung steigt, doch als die ersten Gäste kommen, scheint sie wie weggeblasen. Ich blicke in lächelnde und freudige Gesichter, die sich genauso auf den Abend freuen wie ich. Es kann losgehen! Die Moderation übernehmen Seyma (Mitglied der MHG Berlin) und Lior (Mitglied der JHG Potsdam). Nachdem die Willkommensgrüße Asalamua'leikum und Schalom gefallen sind, beginnt auch schon das erste Highlight des Abends. Kanunspieler Orhan Senel wird auf die Bühne gebeten, um uns mit seinem Spiel auf den außergewöhnlichen Abend einzustimmen. Traditionsgemäß werden einige Verse aus dem Qur'an, dem heiligen Buch der Muslime rezitiert (Ufuk Erdogan), doch auch aus der Tora, der heiligen Schrift der Juden wird rezitiert. Frau Elisabeth Kruse von der Evangelischen Genezareth Gemeinde findet genau die passenden Grußworte und knüpft an die Willkommensgrüße der Moderatoren an, ,, […] Es ist mir eine Freude an diesem Abend teilhaben zu dürfen [...]“. Nun ist es an den Hochschulgruppen sich den Gästen vorzustellen. Betül Genc, Vorsitzende der MHG Berlin, beginnt und erzählt von dem Aufbau der Muslimischen Hochschulgruppe in Berlin, deren Ziele und bereits stattgefundenen Veranstaltungen. Kaan Orhon, den wir an diesem Abend noch von einer anderen Seite kennenlernen werden, ist Vizepräsident des Rates Muslimischer Studierender und Akademiker (RAMSA). Der RAMSA ist die Dachorganisation muslimischer Hochschulgruppen in Deutschland und versucht diese nicht nur bundesweit zu vernetzen, sondern fördert durch zahlreiche Workshops und Seminare Potenziale. Lior Bar-Ami stellt uns nun die Jüdische Hochschulgemeinde Beth Hillel Potsdam vor. Derzeit ist sie leider die einzige jüdische Hochschulgemeinde in Deutschland, was deren Mitglieder nicht vom sozialen Engagement abhält. Auch sie haben schon interreligiöse Erfahrungen gesammelt und besuchten in einem Projekt Moscheen, Synagogen und Kirchen.

Nach diesem beeindruckenden Input verlangt es nach einer kleinen Pause, perfekt zum verschnaufen und gegenseitigen Austausch. Es ist einer der seltenen Momente in denen man sich fragt, wie es zu so vielen Streitigkeiten kommt. Zwei unterschiedliche Religionen die aufeinander treffen, sich unterhalten, miteinander lachen und Gedanken austauschen, ,,So etwas hätten wir viel früher machen sollen!“, sagt mir eine jüdische Besucherin.

Es herrscht mittlerweile eine mehr als angenehme Atmosphäre, als würde man sich schon länger kennen. Frau Iman Andrea Reimann, Autorin des Buches ,,Ramadan für dich“ und Vorsitzende des Deutschen Muslim Kreis e.V. erzählt uns nun von dem spirituellen Nutzen des Ramadan und die damit zusammenhängende Gemeinsamkeit der drei monotheistischen Religionen.

Jetzt fangen die Spitzeleien der Moderatoren richtig an. So wird Seyma Gültekin z.B. von Lior Bar-Ami gefragt, ob sie sich das Kopftuch vor oder erst nach ihrer Zwangsheirat angezogen hat. Doch auch sie zieht schnell nach und fragt Lior, wie viel die operative Behandlung seiner Hackennase gekostet hat, was ihn ja nichts weiter ausgemacht haben müsste, da er, wie jeder Jude, von klein auf mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde. So viel steht jetzt schon einmal fest, beide haben es täglich mit den absurdesten Vorurteilen zu tun. Meinen Hunger habe ich mittlerweile auch schon vergessen und ich habe aufgehört auf die Uhr zu schauen, um die letzten Minuten vor dem Iftar zu zählen.

Doch das Spiel geht jetzt in die nächste Runde. Die Bühne betreten Flora (Theologie-Studentin und Rabbinerin) und Kaan Orhon ( RAMSA – Vizepräsident und Islamwissenschaftler). Flora begibt sich in die Rolle einer Muslimin, natürlich darf da das Kopftuch nicht fehlen. Dazu hat sie sich Abende zuvor vorbildlich vorbereitet, um das Kopftuchbinden vor Publikum vorzuführen. Ebenso, so berichtet sie, hat sie sich Dokus angesehen von Musliminnen, um zu erfahren, was sie dazu bewegt hat das Kopftuch zu tragen. Ihr sind einige Parallelen aufgefallen, denn auch in ihrer jüdischen Gemeinde wird das Kopftuch von Frauen angezogen. Nun ist Kaan Orhon dran und ich muss zugeben, es war eine Comedy Show erster Klasse! Dem Gelächter zufolge war ich wohl nicht die Einzige mit dieser Meinung. Er versucht sich zunächst, die Kippa aufzusetzen, was schon einmal einige Anläufe benötigte. Nach seinem Geständnis sich nicht vorbereitet zu haben, erzählt er uns souverän von seinem Rollenspiel im Alltag eines Juden.

Langsam neigt sich der Abend mehr oder weniger dem Ende zu. Doch einige Höhepunkte stehen noch auf der Programmliste, u.a. die Abschlussrede des Psychotherapeuten, Seelsorger, Mentor und Ausbilder beim Muslimischen Seelsorge Telefon (MuTes) Edouard Marry (http://edouardmarry.de). Beeindruckende Worte von einer noch beeindruckenderen Persönlichkeit.

Lior steht wieder auf der Bühne und stellt den Gästen Sevgi Kulanoglu vor. Sie ist Vorsitzende der Berliner Islamic Relief Hilfsorganisation. Das Spenden und die freiwillige Abgabe, besonders im Monat Ramadan, ist eine sehr gute Gelegenheit jeden zu motivieren hilfsbedürftige Menschen weltweit zu unterstützen. So stellte sie uns das Syrienprojekt vor, welches durch die andauernde menschenunwürdige Lage viele ansprach, einige Euros in die Spendenbox zu werfen.

Damit sind wir auch schon am Ende des offiziellen Programms angekommen und Ali Lacin bekommt das Mikrofon in die Hand gedrückt und stellt sich in Richtung Mekka bereit zum Gebetsruf. Die Dattel in der rechten und das Glas Wasser in der linken Hand breche ich mein Fasten mit einem Bittgebet und dem Wort ,,Bismillah“. Jetzt heißt es endlich ,,Das Büffet ist eröffnet!“. Während Musliminnen und Muslime das Gebet verrichten, bilden sich schon die ersten Reihen vor dem Büffet.

Schließlich folgt der Schabbatausgang die ,,Hawdala“ und der Abend ist offiziell beendet. Theoretisch müssten einige viele auf dem Heimweg sein, vor allem wegen der fortgeschrittenen Zeit. Doch es sind zahlreiche Gäste noch geblieben, die beim Aufräumen helfen. Welch beeindruckender Anblick und einer meiner persönlichen Highlights an diesem Abend. Jude und Muslim packen zusammen an und räumen das schmutzige Geschirr von den Tischen. An dieser Stelle noch einmal ein riesiges Danke an alle helfende Hände!

Wir können so viel von diesem Abend lernen, es war nicht nur ein gemeinsames Abendessen mit unterhaltsamen Vorprogramm, sondern so viel mehr. Wir freuen uns auf das kommende Jahr, sodass wir hoffentlich ein Grundstein legen können, um zukünftig daran anzuknüpfen und weitere Projekte dieser Art veranstalten zu können.

Die MHG Berlin wünscht allen noch einen gesegneten Monat Ramadan.

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