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Mitleid statt Hass

Von: Kaan Orhon
29.09.2017   |   In: Gedanken zum Freitag

Bismillah
„Mitleid statt Hass“ - Gedanke zum Freitag

Der Gesandte Allahs - Segen und Frieden auf ihm – sagte:

„Die Gläubigen in ihrer Zuneigung, Barmherzigkeit und ihrem Mitleid zueinander sind einem Körper gleich: Wenn ein Teil davon leidet, reagiert der ganze Körper mit Schlaflosigkeit und Fieber!“

[Sahih Muslim]

Seit Jahrzehnten erleidet die Volksgruppe der Rohingya in Burma massivste gesellschaftliche Ausgrenzung, rechtliche Diskriminierung und immer wieder gewaltsame Verfolgung. Derzeit erleben wir wieder einen neuen Höhepunkt dieser nie abgerissenen Gewalt. Die Übergriffe durch Militär, Polizei und religiöse und nationalistische Extremisten, die mit den Sicherheitskräften im Bunde stehen, haben eine enorme Fluchtbewegung ausgelöst und unsägliches Leid verursacht.

Hunderttausende Rohingya suchen Schutz im Nachbarland Bangladesch. Ihre Dörfer sind niedergebrannt, und ihre Hoffnung auf Rückkehr in ihre Heimat schwindet – mit der Vertreibung der Rohingya nach Bangladesch realisieren Extremisten und das Militär in Burma das zentrale Ziel ihrer Repressions- und Diskriminierungsmaßnahmen.

Laut der die Übergriffe anfachenden Hetze gegen die Rohingya handelt es sich bei ihnen um „illegale Einwanderer“ aus Bangladesch, die nicht nach Burma gehören und in das Nachbarland zurückkehren sollen.

Diese propagandistische Behauptung ist eine Lüge, wie Wissenschaftler, Menschenrechtsorganisationen und Vertreter der Rohingya selbst immer wieder hinreichend belegt haben.

Doch der Geist, mit dem wir heute Begriffe wie „Fake News“, „alternative Fakten“ oder „Lügenpresse“ verbinden, existiert schon weitaus länger, als diese Begriffe Teil unseres Vokabulars geworden sind. Dieser Geist ist eben auch jetzt gerade in Burma am Werk.

Die Parolen, die Rohingya seien illegale Einwanderer oder stünden mit dem IS im Bunde und wollten in Burma „ein Kalifat“ errichten, sind nichts anderes als die rassistischen Verschwörungsfantasien rechtsextremistischer Gruppen hierzulande über den „großen Austausch“ wie ihn die Identitäre Bewegung beschreit, also die politisch gesteuerte Verdrängung der „eingeborenen Europäer“ durch „fremdrassige Einwanderer“.

Diese Dinge werden geglaubt, weil man sie glauben will.
Die Islamisierung des Abendlandes ist, wie die die Islamisierung des überwältigend buddhistischen Burma Realität in den Köpfen derer, die sie bekämpfen wollen, und nur dort existiert sie.

So wichtig es ist, sich mit den Ursachen für solchen politischen Irrglauben und den ideologischen Gebäuden, die darauf gründen, auseinanderzusetzen, so ist es doch jetzt allererstes Gebot der Stunde, den Menschen auf der Flucht, in den Lagern in Bangladesch und vor allem den immer noch der Verfolgung in Burma Ausgesetzten zu helfen. Dabei müssen wir auch ein kritisches Auge auf uns selbst haben. Das oben beschriebene Denken existiert überall bzw. kann überall entstehen.

Als in der jüngeren Vergangenheit die Gewalt gegen die Rohingya eskalierte, tauchten im Internet massenhaft gefälschte Bilder aus Burma auf, die die Stimmung unter Muslimen weltweit Hass schüren sollten, in der Folge wurden Buddhisten und Hindus in Pakistan und Bangladesch ermordet und ihre Tempel und Heiligtümer angezündet. Ein erhobener Zeigefinger steht keinem Individuum und keiner Gruppe zu.

Stattdessen gilt es nun zu spenden, für die Hilfsorganisationen, die trotz großen Strapazen und Gefahr vor Ort Nothilfe leisten. Gilt es, Menschenrechtsorganisationen in Deutschland und darüber hinaus zu unterstützen, die seit langem für die Rohingya arbeiten. Gilt es, Medien, Politik und Öffentlichkeit durch fundierte Aufklärungsarbeit und öffentliche Aktionen zu mobilisieren, so oft und so groß und so laut wie möglich.

In diesem Sinne wünscht euch der RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.

Heute von: Kaan Orhon, Islamwissenschaftler aus Göttingen und Mitglied des Ältestenrates