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Jene, die aufrichtig sind

Von: Kaan Orhon
10.03.2017   |   In: Gedanken zum Freitag

Bismillah

„Jene, die aufrichtig sind“ - Gedanke zum Freitag
Von Imam Schafi – möge Allah Wohlgefallen an ihm haben – wird die Aussage überliefert:

„Alle Menschen sind tot, außer die Wissenden.
Und die Wissenden schlafen, außer jene die Gutes tun.
Und jene die Gutes tun sind irrend, außer jene die aufrichtig sind.
Und jene die aufrichtig sind, sind immer in einem Zustand der Furcht.“

Das Bild, das der große Gelehrte hier zeichnet, ist eines, dass auch vielfach auf die Gemeinschaft der muslimischen Studierenden und Akademiker angewendet worden ist – das einer kleinen Gruppe, in der es wiederum eine kleinere Gruppe gibt, und dieser wiederum eine kleinere Gruppe und so weiter und so fort… bis man bei einer sehr kleinen Minderheit ankommt, die sich in einer elitären Position befindet. Und dass trifft auf die muslimischen Studierenden und Akademiker ohne Zweifel zu.

Eine erfolgreiche akademische Laufbahn einzuschlagen, ist etwas, das nur zum Teil eigener Arbeit zu verdanken ist, zu einem großen Teil aber auch Anlagen, Unterstützung – nicht nur finanzieller Natur – durch Eltern und Familie, Sicherheit und Stabilität im eigenen Leben wie auch in der Gesellschaft als Ganzes, Gesundheit und dem Zugang zu Wissen und Information. Trotz allen Fortschritts ist dies auch in einem wohlhabenden und friedlichen Land wie unserem keinesfalls eine Selbstverständlichkeit und aus der Perspektive der ganzen Menschheit ein großartiger und seltener Segen.

Viele Studenten schauen aufs Geld, überlegen sich, ob sie sich dieses oder jenes leisten können – aber was bedeutet das im Angesicht von Aussagen, die uns tagtäglich geschrieben oder gesprochen begegnen, wie etwa, dass fast anderthalb Milliarden Menschen von knapp einem US Dollar am Tag leben? Im Angesicht der Bilder aus eingeschlossenen syrischen Städten, im Angesicht der Hungerkatastrophe im Südsudan und auch im Angesicht von Menschen in Deutschland, die nicht heizen oder anständig essen können. Auch wenn es aus unserer Perspektive nicht vollends möglich ist, so ein Leben nachzuvollziehen, sollte wir immer wieder aufs Neue wenigstens versuchen, die Bedeutung einer solchen Statistik für einen unserer Mitmenschen zu erfassen.

Also, quantitativ sind wir definitiv eine solche Gruppe, wie Imam Shafi sie beschreibt. Ob wir – was wesentlich bedeutender ist – qualitativ auch eine Elite sind, gemessen am Nutzen, den unser Tun für uns, unsere Angehörigen, die Muslime und die ganze Menschheit hat, das hängt in der Tat ganz von uns ab. Mit freiem Willen begabt, ist es unsere Entscheidung, was von dem Wissen und den Fähigkeiten, die wir erworben haben, wir wie einsetzen. Wir müssen uns stets daran erinnern, dass jene von den Dingen, welche uns auf unserem Weg geholfen haben, die uns ohne unser Zutun als Segen unseres Schöpfers und Versorgers zu Teil wurden, mit einer Verantwortung kommen.  Darum ist jene kleinste Gruppe im Eingangszitat, jene „Elite“ immer im Zustand der Furcht.

In diesem Sinne wünscht euch der Vorstand des RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.

Heute von: Kaan Orhon, Islamwissenschaftler aus Göttingen und Mitglied des Ältestenrates