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Ein Leben

Von: Kaan Orhon
30.06.2017   |   In: Gedanken zum Freitag
Bismillah
„Ein Leben“ – Gedanke zum Freitag

Allah der Erhabene sagt in Seinem Buch in der sinngemäßen Übersetzung:

„Wer ein menschliches Wesen tötet, ohne (dass es) einen Mord (begangen) oder auf der Erde Unheil gestiftet (hat), so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte. Und wer es am Leben erhält, so ist es, als ob er alle Menschen am Leben erhält.“ ((al-Maida:32))
 
Gestern ist ein Attentäter in Paris in eine Gruppe Fußgänger vor einer Moschee gefahren. Der Täter hat nach bisherigem Wissenstand antimuslimischen Hass und vermeintliche „Rache“ für IS Anschläge unmittelbar nach der Tat als Motiv angegeben.
Mittlerweile macht ein solches Verbrechen ohne Todesopfer kaum noch Schlagzeilen, so schnell hintereinander ereignen sie sich. Schlagzeilen gemacht hatte der vom Ablauf her gleiche Anschlag am 19 Januar in London, der sich gegen Moscheebesucher richtete und einen Menschen das Leben kostete. Zu diesem Anschlag gab es eine Reihe von Kommentaren, in denen es hieß, „jetzt“ würden auch Personen mit Hass auf Muslime zu terroristischer Gewalt greifen nach dem Muster der Anschläge des IS und ihresgleichen.
Dabei wird (jüngere und jüngste) Geschichte vergessen und Gegenwart verschleiert:

Antimuslimischer Hass ist eine menschenverachtende Ideologie. Eine Ideologie die tötet, und dies seit langer Zeit, in ganz Europa und darüber hinaus. Der Auto-Terror von London war nicht der erste Terroranschlag nach diesem Muster auf Muslime in Europa. Er war nicht der erste aus dem Hass der selbsternannten Abendlandsverteidiger und ihrer Organisationen in Großbritannien begangene Mord. Es war nicht der erste aus dieser Ideologie geborene Terroranschlag in diesem Jahr.

Gewalt im Namen einer vermeintlichen Verteidigung eines „christlichen Abendlandes“ gegen Muslime, mal mehr, mal weniger verwachsen mit, wie es heißt, „traditioneller“ Fremdenfeindlichkeit, die sich mehr über Hautfarbe oder Herkunft als Religion definiert, fordert sie beständig neue Opfer.
Der morgige erste Juli wird seit einigen Jahren als der „Tag gegen antimuslimsíschen Rassismus begangen. Anlass für die Wahl dieses spezifischen Datums war die Ermordung der Dresdener Pharmazeutin Marwa El-Sherbini durch den Rassisten Alex Wiens. Wiens steht in einer Reihe mit Darren Osborne, dem Mörder am Steuer in London, mit Anders Behring Breivik, Pavlo Lapshyn, Alexandre Bissonnette, Jeremy Joseph Christian und so vielen anderen. Sie sind Brüder im Geiste der IS Terroristen von Paris, Brüssel, Manchester, Nizza, London und Berlin.

Nicht nur in dem Sinne, dass sie gemordet haben, sondern auch durch die Ideologie, die ihre Taten angetrieben hat. Die Abwertung einer ganzen Gruppe von Menschen durch tatsächliche oder auch nur zugeschriebene Gruppenzugehörigkeit, die eigene Aufwertung als Inhaber einer großen, einer „heiligen Mission“ und nicht zuletzt die Konstruktion einer historischen Fiktion in deren Namen man morden kann. In diesem Fall ist es die Fiktion eines christlichen Abendlandes in einem sich durch die Geschichte ziehenden Abwehrkampf gegen „den Islam“.

Diese Fiktion verfechten auch politische Parteien und Organisationen, die nicht selbst morden, aber die die den Morden zu Grunde liegende Ideologie nähren und verbreiten. Diese Ideologie hat ihre Dogmen und sie hat ihre propagandistischen Instrumente der Entmenschlichung, eigene neue Schimpfworte, Tiervergleiche und derartiges mehr.
Diese Dinge, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwächen und zersetzen und die Hemmschwellen von Gruppen und Einzelnen immer weiter sinken lassen, bereiten den Boden für die Mordtat des Einzelnen. Dies ist wahr für totalitäre, menschenverachtende Ideologien zu allen Zeiten und an allen Orten.

Dem gilt es daher auch zu allen Zeiten und an allen Orten entschlossen entgegen zu treten. Einen gemeinsamen gesellschaftlichen Kampf zu führen für das Recht und die Würde jedes Einzelnen.

Wir werden nicht alle Akte der Gewalt, nicht alle Morde verhindern können, aber jeder einzelne ist es wert, jedes Leben ist eine unbedingte Verpflichtung, es zu versuchen und sein bestes zu tun für ein friedliches Zusammenleben.
Es ist eine gemeinsame uns allzeit gültige Wahrheit: Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.

In diesem Sinne wünscht euch der RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.
Heute von: Kaan Orhon, Islamwissenschaftler aus Göttingen und Mitglied des Ältestenrates