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Die Religion bei Gott

Von: Kaan Orhon
02.03.2018   |   In: Gedanken zum Freitag

Bismillah
" Die Religion bei Gott " - Gedanke zum Freitag

Allah der Erhabene sagt in Seinem Buch in der sinngemäßen Übersetzung:
"Gewiß, die Religion ist bei Allah der Islām." ((Āl ʿImrān:19))

Dieser Vers ist für jeden, der den Islam bewusst als seinen Glauben, seine Weltanschauung, sein Wertesystem wählt und praktiziert, unabhängig, ob er in die Religion hineingeboren wurde oder sie später im Leben angenommen hat, eine logische und an sich erstmal nicht kontroverse Aussage.
Wenn man eine bestimmte Religion wählt statt einer anderen, so geht man natürlich davon aus, dass diese "richtig" ist, "richtiger" als andere. Zumindest den monotheistischen Offenbarungsreligionen, aber nicht nur diesen, wohnt ein Exklusivitätsanspruch inne, der sich daraus ergibt, dass in bestimmten Fragen nur eine von verschiedenen, zueinander im Widerspruch stehenden Sichtweisen richtig sein kann.
Gibt es einen Gott oder mehrere? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Ist Jesus - Allahs Frieden auf ihm - der Sohn Gottes oder nicht? War die historische Person Muhammad - Allahs Segen und Frieden auf ihm - ein Prophet, hat er Offenbarungen von Gott erhalten oder nicht? Beantwortet man jede dieser Fragen nach bestem Wissen und Gewissen, steht entweder die eine oder die andere Religion am Ende als Antwort auf die Summe aller Fragen da.

Auch Atheismus als Weltsicht formuliert in diesem Sinne einen Anspruch auf ausschließliche Richtigkeit. Entweder existiert Gott oder er existiert nicht, beide Aussagen können nicht gleichzeitig wahr sein. Wer davon überzeugt ist, dass es keinen Gott gibt, der schreibt notwendig einer Weltsicht, die vom Gegenteil ausgeht, zu, falsch zu sein. Atheismus wäre damit, analog zum obigen Vers, nicht "die Religion bei Gott" sondern "die Position bei der Wahrheit", so ähnlich könnte man es vielleicht formulieren.

Am Ende bleibt die banale aber zutreffende Aussage: wir werden es erfahren. Irgendwann werden uns die letzten Dinge offenbar.

Wie wir bis dahin mit diesem Vers bzw. mit allen vergleichbaren Wahrheitsansprüchen umgehen, ist entscheidend. Denn auch wenn einige Menschen es so begreifen wollen: aus dem - nach eigener Auffassung - richtigen Glauben lässt sich keine eigene Besserstellung ableiten. Auch wenn ich glaube, dass ich mit meinen Antworten auf die großen Fragen richtig liege und mein Nebenmann in Allem falsch liegt, ist er mir gleich, sind seine Würde und seine Rechte absolut und unantastbar.

Ethik ist nicht an ein bestimmtes Glaubenssystem gebunden, man kann mit verschiedenen Religionen oder auch ganz ohne Religion das diesseitige Leben so führen, dass man diese Welt für sich und andere zu einem besseren Ort macht. Das ist aber kein Argument für religiöse Beliebigkeit, diese Position steht zu der Suche nach und der Debatte über die Wahrheit in Fragen des Glaubens nicht im Widerspruch.

"Und wenn Allah wollte, hätte Er euch wahrlich zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber (es ist so,) damit Er euch in dem, was Er euch gegeben hat, prüfe. So wetteifert nach den guten Dingen! Zu Allah wird euer aller Rückkehr sein, und dann wird Er euch kundtun, worüber ihr uneinig zu sein pflegtet." ((al-Maida:48))

In diesem Sinne wünscht euch der RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.

Heute von: Kaan Orhon, Islamwissenschaftler aus Göttingen und Mitglied des Ältestenrates.