Sie sind hier

Das Geschenk des Glaubens

Von: Kaan Orhon
10.02.2017   |   In: Gedanken zum Freitag

Bismillah


Gedanke zum Freitag
Allah der Erhabene sagt in Seinem Buch in der ungefähren Übersetzung:

“Und hätte dein Herr es gewollt, so hätten alle, die insgesamt auf der Erde sind, geglaubt.  Willst du also die Menschen dazu zwingen, Gläubige zu werden?” ((Yunus:99))

Von seinem Glauben erfüllt zu sein, ihn als festes Fundament für das Leben zu wissen, ist eine schöne und unendlich wertvolle Sache. Wer im Angesicht schwerer Prüfung – lebensbedrohlicher Krankheit, Armut und Not, Unterdrückung, dem Verlust eines geliebten Menschen oder etwas Vergleichbarem – auf diesem Fundament steht, wer dadurch in Standhaftigkeit und Geduld zu ertragen vermag, dem ist eine gewaltige Gnade seines Schöpfers zuteilgeworden.

Es muss jedem Einzelnen immer bewusst sein, dass der Glaube und alles, was an Gutem aus diesem erwächst, keine eigene Leistung sind, sondern ein Geschenk. Der Glaube ist etwas Elementares in unserem Menschsein, das nicht unserer bewussten Kontrolle unterliegt. Anders gesagt: wir können nicht eines Tages aufstehen und entscheiden, ab morgen gläubig zu sein oder umgekehrt, es nicht mehr zu sein.
Die konkreten Handlungen des Glaubens können wir tun oder lassen, wir können beten oder es bleiben lassen, fasten oder es bleiben lassen. Aber nicht den Glauben selbst.

Es ist nur ein bedingt tauglicher Vergleich, aber es entspricht ein Stück weit der Liebe zu einem Menschen: wir können einer Person sagen, dass wir sie lieben, ihr Geschenke machen und dergleichen, uns also verhalten, als ob wir sie liebten, aber wir können nicht beschließen, sie ab jetzt zu lieben.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Glauben und Nicht-Glauben unverrückbare Kategorien sind, und der Mensch in einer dieser beiden befindlich immer bleibt wie er ist. Die Geschichte beweist das Gegenteil. Menschen, die nicht an Gott und Jenseits glauben, können gläubig werden – genauso wie manche gläubigen Menschen ihren Glauben verlieren.
Doch es sind immer Faktoren außerhalb ihrer Kontrolle, die sie dazu führen. Viele Menschen, die den Islam angenommen haben, beschrieben die Erfahrung als „etwas finden, das sie gesucht haben“, in manchen Fällen ihr ganzes Leben lang.
Man kann sich nicht entscheiden, etwas zu finden, weder etwas, das man zuvor nicht kannte, noch etwas Verlorenes wiederzufinden. Es passiert – und ist ein Anlass für Dankbarkeit.

Allah der Erhabene legt selbst dar, dass Zeichen für Sein Schaffen und Wirken, für den göttlichen Ursprung und die Endlichkeit der Welt, überall in der Natur und auch im Wesen des Menschen. Wer sucht, wer sich mit diesen Zeichen beschäftigt, der öffnet sich für den Glauben und kann mit diesem beschenkt werden. Und hat, aus der Perspektive des Glaubenden geschrieben, damit das Beste und Wertvollste erhalten, das es gibt.

Dieses Suchen und Finden, das Glauben und Zweifeln, sind die ureigene und persönliche Erfahrung jedes Menschen, Teil seines Verhältnisses zu seinem Schöpfer – ob er an ihn glaubt oder nicht. Wir müssen uns davor hüten, unserer Erfahrung, auch wenn sie für uns noch so schön und erfüllend ist oder war, anderen aufzudrängen. Mitunter sind gerade jene, die den Glauben am Ende einer langen Suche gefunden haben, so bewegt von dem Wunsch, dies anderen weiterzugeben, dass sie vergessen, wie ihr Zugang dazu war.

Sie beschreiten dann den Weg des Zwanges, des Drucks und der Unfreiheit – wobei sie selbst glauben, ihren Mitmenschen nur Gutes zu wollen. Und wenn ihre Werbung für den Glauben nicht angenommen wird, so wächst in ihnen Abneigung gegen die Menschen. Sie fragen sich, wieso andere nicht sehen wollen, was für sie doch so offensichtlich ist.

Es ist etwas Schönes, die Erfahrung des Glaubens mit anderen Menschen zu teilen – so lange diese dies wollen, und man sich selbst immer der Natur des Glaubens bewusst ist – das er ein Geschenk, das wertvollste Geschenk, unseres Schöpfers ist und allein Seines, nicht unseres, zu geben.

In diesem Sinne wünscht euch der RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.

Heute von: Kaan Mustafa Orhon, Islamwissenschaftler aus Göttingen